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The Industrial Vagina

Nachdem Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm im Tatort „Wegwerfmädchen“ gegen Zwangsprostitution ermittelt hat, ist nun am 15.09. um 20.15 Uhrauf ARD das Wiener Team Bibi Fellner und Moritz Eisner dran. In der Folge „Angezählt“ servieren sie zur besten Sendezeit den Zuschauer_innen harte Kost: Von ca. 6.000 Prostituierten arbeiten in Wien gerade mal 1.500 legal. An Stelle die viel beschworene „selbstbestimmte Sexarbeiterin“ zu präsentieren, zeigen sie den harten Alltag in einem harten globalisierten frauenverachtenden Männer-Business.

Und am Montag wird wieder in diversen vermeintlich linken, antikapitalistischen und feministischen Zeitungen und Blogs Folgendes zu lesen sein: „Nein, das ist doch alles gar nicht so schlimm. Hier wird wieder pauschalisiert und überhaupt machen die meisten das doch freiwillig.“ Dieser Ton ist in Zeiten, wo gerne von Intersektionalität die Rede ist, ziemlich erstaunlich. Denn genau bei diesem Thema wird in den Diskussionen und Zeitungsbeiträgen die Verbindung von Race, Class und Gender ausgeblendet. Wieso eigentlich? Vielleicht weil dann das Bild von der „selbstbestimmten Sexarbeiterin“ (die es durchaus gibt, aber sie ist nun mal leider eine Ausnahme) zerstört wird? Und weil mensch sich dann vielleicht auch mit der Komplizenschaft, den so ein pseudo-emanzipatorischer und kapitalistisch-neoliberaler Diskurs nun mal leistet, auseinandersetzen muss?

Übrigens stammt die Blog-Überschrift von dem gleichnamigen Buch von Sheila Jeffrey. Darin untersucht sie den Aufstieg der Sex-Branche zu einem globalen Industriezweig bestehend aus Puffs, BrideOrder, Pornos und Strip-Clubs. Jeffrey: „The important  is the new economic ideology and practice of these times, neo-liberalism, in which the tolerance of ´sexual freedom´ has been merged with a free market ideology to reconstruct prostitution as legitimate ´work´ which can form the basis of national and international sex-industries.“ Ihre These: Dieser global wachsende und milliardenschwere Wirtschaftssektor muss als die kommerzalisierte Unterdrückung der Frauen verstanden werden, an der nicht nur Zuhälter_innen und Wirtschaftsunternehmen verdienen, sondern auch staatliche Regierungen. Zum Beispiel Deutschland.

 

Lesben aus der Mottenkiste

An dieser Stelle wollen wir uns einer Kritik an dem letzten Tatort anschließen, die daher hier in voller Länge wiedergegeben wird:

Kopfschuss für den Tatort

Am Sonntagabend ferngesehen: Geldgeiles Lesbenpaar zockt Tierfreunde ab und kaserniert hochverschuldete Heteros in einer Drückerkolonne – der ARD-Tatort griff tief, ganz tief in die Mottenkiste und holte Vorurteile hoch, die wir längst schon ausgemustert hatten:

  1. Mädchen, die im Erziehungsheim waren, werden lesbisch
  2. Lesben mit schwieriger Jugend werden kriminell
  3. Kriminelle Lesben sind brutal, eiskalt, manipulativ und zu allem fähig
  4. Bei einem Lesbenpaar ist eine dominant, die andere labil und eigentlich hetero
  5. Hat eine Lesbe Sex mit einem Mann, bringt ihre Freundin den Liebhaber um
  6. Fazit: Die pathologische Killerlesbe verdient den Tod als Befreiungsschlag ihrer hörigen Geliebten

Das erinnert an die Serie „Die Verbrechen der lesbischen Frauen“. Die Bildzeitung hatte so Mitte der 70er Jahre die aufkommende Frauenbewegung denunziert und erstarkendes lesbisches Selbstbewusstsein in die Grenzen verwiesen.
Mit dem Tatort knüpft die ARD nahtlos daran an und verbreitet am Sonntagabend verqueres Weltwissen über lesbische Liebesbeziehungen. 8,73 Millionen Zuschauer wollten das sehen und verschafften der ARD einen Quotenhit von 23,7 Prozent. Katastrophal.

Übrigens: Die – immer noch – verzerrte Darstellung von Lesben in der Presse hat JB-Frau Elke Amberg in ihrem Buch „Schön!Stark!Frei!“ aufgezeigt, erschienen im Ulrike Helmer Verlag.