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Buchtipps für den Herbst

Für die kalten und regnerischen Herbsttage empfehlen wir unseren Leser_innen folgende frisch eingetroffene Bücher:

Jennifer Teege: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte. In Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod tausender Menschen und wurde 1946 gehängt.

Dieses Buch ist zurecht von den Feuilletons gelobt worden. Jennifer Teege gelingt es auf beeindruckender Art und Weise die Leser_innen auf ihre Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. Teegers Schilderungen über ihre schonungslose Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familiengeschichte wird von Zeitzeug_inneberichten und historischen Fakten über Amon Göth angereichert. Dadurch gewinnt das Buch nicht nur an Intensität, sondern macht auch deutlich, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der dritten bzw. gar vierten Generation noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Janet Frame: Auf dem Maniototo

Janet Frame zählt zu den bekanntesten Autorinnen Neuseelands. Zur literarischen Berühmtheit schaffte sie es mit ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Der Engel an meiner Tafel“, der 1990 von Jane Campion fulminant verfilmt wurde.

Nun hat der C.H.Beck-Verlag den bereits 1987 erschienen Roman „Auf dem Maniototo“ auf deutsch veröffentlicht: In ihrem vielleicht schönsten Roman erzählt Janet Frame von einer Frau, die, nachdem sie ihren Ehemann verloren hat, beschließt Schriftstellerin zu werden. Sie absolviert einen Kurs, geht auf Reisen, verliebt sich, heiratet erneut – und wird wieder Witwe. Auf Einladung von Freunden verbringt sie, die Neuseeländerin, den Sommer in Berkeley, Kalifornien, und erbt unversehens das Haus ihrer Freunde, die bei einem Erdbeben in Italien ums Leben kommen. Doch am Ende des Sommers tauchen sie quicklebendig wieder auf. Was ist Realität, was Fiktion, wie glaubwürdig ist die Erzählerin, die sich uns unter verschiedenen Namen vorstellt? Amüsant und detailreich, haarsträubend und bunt, in einer grandiosen Sprache erzählt dieser Roman lauter Geschichten und handelt dabei zugleich vom Schreiben und Erzählen selbst.

Swetlana Alexejewitsch: Second Hand Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Bereits mit ihren Büchern „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ und „Tschernobyl. Chronik einer Zukunft“ hat sich Swetlana Alexejewitsch als großartige Zuhörererin und Erzählerin bewiesen. Mit ihrem neuen Buch „SecondHand Zeit“ beweist sie sich einmal mehr als Meisterin  der Zeitgeschichte. Darin widmet sie sich den Verlierer_innen des russischen Wandels, den Menschen, die von Mühlen der Politik und Ökonomie zermalmt werden. Swetlana Alexejewitsch hört denen zu, die nicht mehr gehört werden – nicht mal von ihren eigenen Kindern und Enkelkindern. Die Autorin selbst nimmt sich zurück, will sie doch „ein nüchterner Historiker ohne Fakel“ sein. Um so mehr strahlen die Berichte von Dissident_innen, Student_innen, ehemaligen GULag-Häftlingen, Verlierer_innen und Gewinner_innen des Turbo-Kapitalismus der 1990er Jahre. Zusammen ergeben sie ein atemberaubendes und kaum eträgliches Panorama an Menschen, die vor allem eins zu einen scheint: die Last in der Sowjetunion geboren zu sein.

Free Pussy Riot!

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir das Pressecommuniqué des Zürcher Frauenbündnisses 8. März:

FREE PUSSY RIOT – FREE OUR SISTERS – FREE OURSELVES

Das Urteil gegen drei feministische Aktivistinnen von Pussy Riot wird
am Freitag 17. August 2012 erwartet. Solidaritätsbekundungen finden
überall auf der Welt statt, so auch in Zürich, wo ein Transparent
aufgehängt wurde. Frauen kämpfen nicht nur im „fernen Osten“ gegen
rechts-konservative und religiöse Bemühungen, die Rechte der Frauen zu
beschneiden.

Am Freitag 17. August 2012 wird das Urteil gegen die feministischen
Aktivistinnen der Frauenpunkband Pussy Riot in Moskau erwartet.
Verhaftet wurden die drei Aktivistinnen nach ihrem Punk-Gebet in der
Christi-Erlöser-Kathedrale. Mit ihrer bewusst provokativen Aktion
brachen sie gleich mehrere Tabus und stellten den patriarchalen
russischen Machtapparat der politischen und religiösen Elite
öffentlich in Frage.
Ihre feministische Kritik wird kriminalisiert und mit der geballten
Repression des politisch-religiösen Machtsystems Putins konfrontiert:
Ihnen wird mit bis zu sieben Jahren Gefängnis gedroht. Auch bei einem
Freispruch bleiben die 5 Monate Untersuchungshaft. Denn seit März
dieses Jahres sitzen die drei Frauen unter übelsten Bedingungen in
Untersuchungshaft: Schlaf- und Essensentzug, bloss eine halbe Stunde
Pause während der täglichen 10-12stündigen Verhören und
Gerichtsverfahren, so sieht der momentane Alltag der drei Gefangenen
aus. Ausserdem werden gegen sie und ihre Angehörigen Drohungen
ausgesprochen (z. B. Entzug des Sorgerechts für die Kinder).
Im Rahmen internationaler Aktionstage zeigten verschiedene
Solidaritätsbekundungen in Russland und anderswo – auch aus
kirchlichen Kreisen –, dass längst nicht alle mit der konservativen
Politik des Kremls und der orthodoxen Kirche einverstanden sind. So
wurde auch in Zürich unter anderem ein Transparent an prominenter
Stelle aufgehängt.
Doch nicht nur im „fernen Osten“ müssen patriarchale Strukturen und
die daraus resultierende Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und
Mädchen bekämpft werden: Der Angriff auf feministische
Institutionen/Errungenschaften schlägt sich unter anderem in
politischen Vorstössen der Rechtsparteien nieder: Rechts-konservative
Kräfte stellen die Existenz und die Finanzierung durch die öffentliche
Hand von Frauenhäusern seit deren Bestehen stetig in Frage. Die
Frauenhäuser sind darum gezwungen, immer wieder um Ihre Akzeptanz und
die Finanzierung zu kämpfen. Dies obwohl gemäss einer Studie des
Europarats häusliche Gewalt die Hauptursache für Tod oder
Gesundheitsschädigung bei Frauen zwischen 16 und 44 Jahren ist.
Deshalb setzen sich feministische und migrantische Organisationen seit
Jahren für das Recht auf einen vom (schweizer) Ehemann unabhängigen
Aufenthaltsstatus für Frauen ein.
Ein weiterer Angriff auf lang erkämpfte Errungenschaften findet im
Bereich des Schwangerschaftsabbruchs statt. So verbünden sich auch in
der Schweiz politisch konservative Kräfte mit religiösen
Fundamentalisten und fordern mittels Initiative, dass die die Kosten
einer Abtreibung auf die anscheinend allein „verursachenden“ Frauen
abgewälzt werden. Noch weiter gehen radikale Christen in ganz Europa,
die regelmässig gegen einen straffreien Schwangerschaftsabbruch und
gegen sexuelle Aufklärung in der Schule predigen. Auch wenn diese
Fundamentalisten in der Schweiz (noch) keine breite Unterstützung
finden, so treffen sie sich dieses Jahr am 15. September doch schon
zum dritten Mal in Zürich.
Es ist wichtig ein Zeichen zu setzen und sich entschieden gegen rechte
und konservative Angriffe zu stellen, hier, in Russland und überall!

Für ein selbstbestimmtes Leben, kein Gott, kein Staat, kein Vaterland!

Free Pussy Riot!

Frauenbündnis für den 8. März, Zürich