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„Ich möchte eine Bitch sein.“

Reyhan Sahin alias Lady Bitch Ray ist zurück und zwar nicht nur mit einem Doktortitel in der Linguistik, sondern auch mit einem Buch: „Bitchsm. Emanzipation. Integration. Masturbation“.

„Das Bitchsm ist ein feministisches Aufklärungsbuch und die Neudefinition der Bezeichnung Bitch. […] Eine Art Lifestyleguide für „Bitches“, der sich auf die heutige Ungleichbehandlung von Frauen bezieht.“ Denn: „Es ist jetzt meines Erachtens allerhöchste Zeit, diesen Emanzipationsbegriff um weitere Bedeutungsinhalte der heutigen Zeit zu erweitern.“  Damit stellt sich Dr. Lady Bitch Ray selbst und den Leser_innen hohe Erwartungen, die aber das Buch letztendlich nicht einlöst.

Es ist nicht so, dass Lady Bitch Ray in ihrem Buch nicht bestehende Probleme und Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern thematisiert. Das tut sie durchaus. Die selbstbestimmte weibliche Sexualität ist immer noch ein Tabuthema, Frauen erhalten immer noch weniger Lohn als Männer, Frauen werden immer noch sexualisiert und als Objekt reduziert und sind ebenso massiver sexualisierter Gewalt ausgesetzt mit wenig Chancen unter Justitia Gerechtigkeit zu erfahren und und und. Das alles ist nicht neu. Hier den Anspruch zu verfolgen, einen neuen Feminismus zu vertreten ist gelinde gesagt mehr als vermessen. Die oben genannten Problemfelder sind nicht nur Themen des „alten“ Feminismus der 1970er Jahre. Die Forderung nach einer selbstbewussten und sexuell selbstbestimmten Frau stand bereits auf der Agenda der Frauenbewegung Anfang des letzten Jahrhunderts! Siehe Minna Cauer, Hedwig Dohm oder Helene Stöcker. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem „Frauenrechtlertum“ wäre an dieser Stelle wohl sinnvoll gewesen.

Anstatt die Frage zu stellen, was eigentlich in den letzten Jahrzehnten an Frauenpolitik und Feminismus NICHT passiert ist, um daraufhin eine intensive Fehleranalyse zu betreiben und daraufhin neue Lösungsstrategien zu entwickeln, soll das Rad wieder mal neu erfunden werden. Dazu gehört auch das mittlerweile üblich gewordene Bashing gegen Alice Schwarzer, das im Buch derart plump vorgenommen wird, dass hier nicht weiter darauf eingegangen werden soll. Anstelle eine tiefgründigen und allumfassenden Analyse der Situation der Frauen durchzuführen, die Faktoren wir Politik, Gesellschaft, Geschlecht, Ökonomie und auch Ökologie mit einschließt, beschränkt sich Lady Bitch Ray auf die Erstellung diverser Gebote mit konservativ-bürgerlicher Einfärbun(„Geh zur Schule!“) und praktischen Tipps für Mösen-Meditation und Penis-Pilates.

Lady Bitch Ray ist promovierte Linguistin. Dies zeigt sich insbesondere im Kapitel „Cunnilinguistik“ und in ihren “kreativen” Wortneuschöpfungen wie “pussytief” (positiv) oder “Reflecktion” (Reflexion). Was hier als Provokation, neu oder lustig daher kommen soll, ist spätestens ab der dritten Seite einfach nur noch nervend und lässt die Lektüre zu einer Tour de Force werden. Die redundanten Verwendungen von Begriffen wie „Bitch“, „Ficker“, „Votze“, „Schwanz“ oder „ficken“ tun ihr Übriges.

Nicht nur in ihrem Versuch das Wort „Bitch“ feministisch umzudeuten bzw. wieder zu erobern, sondern auch in ihrer visuellen Inszenierung orientiert sich Lady Bitch Ray an ihren großen Vorbildern wie Missy Elliot oder Lil Kim. Auf den zahlreichen und durchaus gephotoshoppten Hochglanzbildern ist sie mit ihren eigenen Kreationen samt Plüschpenissen und Muschis sowie in Reizwäsche oder gar ganz nackt zu sehen. Dabei stößt eine bildliche Inszenierung besonders auf. Auf diesem Bild ist sie mit einer auffällig dunkleren bzw. brauneren Hautfarbe und mit einen Bikini in Safari-Muster breitbeinig auf einem Sessel sitzend zu sehen. Diese Inszenierung erinnert stark an die rassistische Praxis des black paint, wo Weiße sich „schwarz“ anmalen, um wie „Schwarze“ auszusehen. Bei einer Frau wie Lady Bitch Ray, die über türkische Wurzeln und Diskriminierungserfahrungen verfügt, wäre mehr Sensibilität zu erwarten gewesen.

Fazit: Viel Lärm um nichts! Das Buch „Bitchsm“ „glänzt“ mehr durch die Verpackung als mit Inhalten. Eine vertane Chance in Zeiten ökonomischer und ökologischer Krisen sowie einer dramatischen Zunahme von Frauenarmut  – gerade jetzt scheint  eine theoretische und praktische Weiterentwicklung des Feminismus dringender denn je.

Lady Bitch Ray: Bitchsm. Emanzipation. Integration.Masturbation. Ab sofort bei uns ausleihbar.

Little Thirteen

Auch wenn dieser Film bedauerlicherweise in keinem Leipziger Kino zu sehen ist, möchten wir ihn dennoch sehr empfehlen:

Der Film Little Thirteen erzählt die Geschichte der 13jährigen Sara, die aus einer sozial benachteiligten Familie kommt und dort kaum Zuneigung und Nähe erfährt. Diese emotionale Leere versucht Sara mit schnellen und flüchtigen sexuellen Bekanntschaften zu kompensieren, bis sie auf den drei Jahre älteren Lukas trifft. Zum ersten Mal in ihrem Leben entwickelt sie eine Sehnsucht nach einer Beziehung.

Nah, aber doch unaufdringlich zeigt der Film einen Lebensstil fernab von Verantwortlichkeit und Perspektive, oft direkt vom Elternhaus übernommen. In zum Teil schonungslosen Bildern zeigt Christian Klandt das Leben der so genannten Generation Porno, das gezeichnet ist von gähnender Leere, Einsamkeit und Enttäuschung.

Porno statt PorNo?!

Hinweis auf eine Veranstaltung der Initiative für Sexualität und Gesellschaft:

19.6.2012, 20.00 in der Bäckerei

Politisch korrekt, aber ansonsten …? Über die Tauglichkeit alternativer Pornographie (Vortrag mit Filmauszügen)

Dass zur heteronormativen Pornographie, wie sie allgegenwärtig ist, frauenverachtende Klischees regelrecht als Stilmerkmale gehören, ist seit der 2. Frauenbewegung eine gängige These. In der Veranstaltung wollen wir, auch anhand von Filmbeispielen, untersuchen, welche Alternativen zu diesem Ausgangspunkt PornographInnen in den letzten Jahren geboten haben. Schleichen sich, bei allem guten Willen zur Frauenfreundlichkeit, nicht über die Hintertür wieder die alten Vorstellungen davon ein, wie Frauen und Männer zu lieben und wie sie dabei auszusehen haben? Und wo bleibt währenddessen die Lust, die nun einmal von der patriarchalen und heteronormen Gesellschaft konstituiert ist? Zugespitzt: Sind klassische Pornos sexistisch, aber geil, und alternative pc, aber langweilig?

Referentin: Korinna Linkerhand

Wer sich über dieses Thema genauer informieren möchte, findet bei uns zum Beispiel folgende Bücher im Repertoire:

Sabine Lüdtke-Pilger: Porno statt PorNo!

Erika Lust: X – Porno für Frauen