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Feministisch, radikal, streitbar

Anita Augspurg u. Lida Gustava Heymann (v.l.)

Vor etwa 70 Jahren verlor der radikale Flügel der ersten Frauenbewegung um die Jahrhundertwende ihre wohl zwei wichtigsten und streitbarsten Protagonistinnen: Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) und Anita Augspurg 1857 – 1943).

Beide stammten aus priviligierten Elternhäusern und genossen eine umfangreiche Bildung. Sie verzichteten auf ein bequemes Leben und stürzten sich noch während des Kaiserreiches in den Kampf für die rechtliche Gleichstellung der Frau. Ihr Vermögen investierten sie in die Gründung und Unterstützung verschiedener Frauenprojekte: Mittagstische für Arme und Zufluchtsstätten für Prostituierte, Kinderhorte und in andere karitative Frauen-Projekte. Gemeinsam mit Minna Cauer und Hedwig Dohm riefen sie die Frauenstimmrechtsbwegung ins Leben. Die rechtliche Gleichberechtigung sollte dabei nur eine Etappe sein, nie das alleinige Ziel.

Beide Frauenrechtlerinnen waren publizistisch tätig und waren international glänzend vernetzt. Si9e gaben im Verlaufe ihres Wirkens mehrere Zeitschriften heraus, darunter die „Frau im Staat“, und organisierten Frauenkongresse, an denen Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt teilnahmen.

Heymanns und Augspurgs politisches Wirken beschränkte sich keineswegs auf „reine Frauenbelange“. Sie engagierten sich auch gegen nationalistischen Wahn, Chauvinismus und Antisemitismus. So forderten sie bereits 1923 die Ausweisung Adolf Hitlers. Beispielhaft bleiben ihr Mut und ihr Einsatz für eine gerechtere Welt.

Es wäre jedoch verfehlt, sie zu Heldinnen zu stilisieren, mit denen sich Frauen heute bruchlos identifizieren können. In ihrer Haltung zum Kolonialismus erweisen sich Heymann und Augspurg als Töchter ihrer Zeit. Zwar geißelten sie die Brutalität des Imperialismus und die bestialischen Kolonialpraktiken. Jedoch hielten sie in ihrem weiß-europäischen Überlegenheitsdünkel daran fest, dass Europa und die junge USA als „Kulturnationen“ den „unzivilisierten“ Völkern überlegen seien. Mit diesem Überlegensheitsdenken unterstützten sie das, was heute zu recht als der rassistische Grundkonsens einer weißen Gesellschaft gilt: Menschen anderer Hautfarbe und nicht-europäischer Kultur als unterlegen, „weniger entwickelt“, in letzter Konsequenz „weniger wert“ darzustellen.

Mit Blick auf die aktuellen Debatten über Critical Whiteness und Intersektionalität scheint es mehr als notwendig den Blick dafür zu schärfen, in welcher Tradition die historische, aber auch die gegenwärtige, vorwiegend weiße Frauenbewegung steht – ohne jedoch ihre Leistungen und Errungenschaften schmälern zu wollen.

Wer sich eingehender mit Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg beschäftigen möchte, hier Literturtipps:

Margit Twellmann (Hrsg.): Erlebtes – Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940.

Ursula Scheu/Anna Dünnebier: Die Rebellion ist eine Frau.

Zudem sei auf die Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung verwiesen, die nicht nur über Archivalien der ersten Frauenbewegung verfügen, sondern auch über diese Thematik eine gut sortierte Bibliothek.

Fleischmarkt

Laurie Penny ist 25 Jahre alt und zornig. Statt aber in Lethargie zu verfallen oder alles in sich reinzufressen, hat sie ihrer Wut Luft gemacht und eines der besten feministischen Manifeste der letzten Jahre geschrieben: „Fleischmarkt. Der weibliche Körper im Kapitalismus“.

Die britische Bloggerin und Aktivistin begnügt sich nicht damit, sich an akademischen Gender-Theorien und Quotendebatten zu beteiligen oder in gewohnter Selbstgenügsamkeit subkulturelle Gender-Praktiken zu analysieren. Ihr Buch geht weiter und gleichzeitig wieder zurück. Laurie Penny greift Themen auf, die genauso alt sind wie die feministische Bewegung selbst: Prostitution vs. Sexarbeit, Schönheitswahn, Pornografisierung des weiblichen Körpers, Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft oder die weibliche Selbstzerstörung durch Hungern.

Ihre Wut quillt nur so zwischen den einzelnen Worten hervor und es ist ein Hochgenuss dieses brillante Buch zu lesen. Herrlich polemisch und radikal geschrieben, Hedwig Dohm wäre stolz auf sie.

Laurie Penny: Fleischmarkt. Der weibliche Körper im Kapitalismus

ab sofort in der MONAliesA ausleihbar

Echte Wahlfreiheit – jetzt!

„Ich, Madame Schulz, glaube von ganzem Herzen und mit allen Kräften an mich und meine Küche, an meine Kinderstube und meinen Waschkeller, an meinen Trockenboden und meine Nähmaschine. Alles aber, was darüber ist, ist vom Übel. […] Jede Frau aber, die meine Unfehlbarkeit anzuzweifeln wagt, die meinen Anschauungen entgegen ist, oder mit sich so genannten Ideen befasst, erkläre ich für eine sittenlose und verabscheuungswürdige Emancipierte, für eine Ketzerin, die von Rechtswegen gespießt und mit zu süßem Duft gebraten werden müsste.“

Und die Hand begeistert mit dem Besen gen Himmel streckend, setzt sie hinzu:

„Denn ich war und bin und werde sein – eine deutsche Hausfrau!“

Die von Hedwig Dohm 1873 (!) wunderbar karikierte deutsche Hausfrau hätte sich bestimmt über die „Herdprämie“ – oh, hust, Verzeihung – über das Betreuungsgeld gefreut. Sie mag auch das Frauenbild repräsentieren, das dem Herrn Horst Seehofer und seinen bayrischen Konsorten auch heute noch in ihren Köpfen herumspukt.

Die in den letzten Wochen geführte Diskussion über das Betreuungsgeld und über den personellen Ausbau von Kitas ist ein Offenbarungseid der deutschen Bundesregierung, der in seiner Geringschätzung für soziale Berufe und in seiner absoluten Unfähigkeit auf die aktuellen Bedürfnisse der Menschen einzugehen, schier unerträglich ist.

Wer genug hat von diesem propagierten Frauen- und Familienbild, wer wirklich echte Wahlfreiheit möchte, kann den Appell „Nein zum Betreuungsgeld! – Ja zur echten Wahlfreiheit!“ unterzeichnen.

„Wehe! Die Frauen wollen Männer werden“

Zum Abschluss der sehr erfolgreichen Reihe „Weiberplage“ oder „Der Geschlechterkampf von rechts“. Der moderne Antifeminismus in Deutschland soll an dieser Stelle mal ein großes Dankeschön an alle TeilnehmerInnen, BesucherInnen und natürlich auch alle HelferInnen rausgehen! Verbunden mit einer herzlichen Einladung zur heutigen Abendveranstaltung: Aufgrund der großen Nachfrage werden die Frauen des MONAliesA e.V. ihre erste selbstgestaltete szenische Lesung noch einmal auf die Bühne bringen und euch mit einem witzigen Schlagabtausch zwischen Hedwig Dohm, Eva Herman, Kristina Schröder und Alice Schwarzer unterhalten.

Hedwig Dohm zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der Frauenbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit viel Verve und spitzer Feder („Wehe! Die Frauen wollen Männer werden“) plädierte sie in ihren Artikeln, Essays, Feuilletons, Novellen und Romanen für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Immer wieder erwies sie sich dabei als eine ausgesprochen scharfsinnige und rhetorisch brillante Autorin und Polemikerin, die ihrer Zeit oft weit voraus schien. Wie aktuell ihre Gedanken zum Antifeminismus heute noch sind, zeigt ein Treffen zwischen ihr und Eva Herman, Kristina Schröder sowie Alice Schwarzer.

„Aber ich soll ein wahres Weib sein?!“ – Hedwig Dohm trifft auf die (Anti-)Feministinnen von heute. Szenische Lesung von und mit den Frauen des MONAliesA e.V.
Beginn der Veranstaltung ist 19 Uhr; Eintritt läppische 2,- € gibt auch Kuchen…

An dieser Stelle auch schon mal ein kleiner Hinweis auf unsere morgige Veranstaltung zu „Gender, Ästhetik und Performance im Heavy Metal“ (→ Termine): Es wird bestimmt ein paar lustige Videos zu sehen geben, hihi (mehr dazu auch morgen hier im Blog) 😉