Archiv der Kategorie: Politik

Feministisch, radikal, streitbar

Anita Augspurg u. Lida Gustava Heymann (v.l.)

Vor etwa 70 Jahren verlor der radikale Flügel der ersten Frauenbewegung um die Jahrhundertwende ihre wohl zwei wichtigsten und streitbarsten Protagonistinnen: Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) und Anita Augspurg 1857 – 1943).

Beide stammten aus priviligierten Elternhäusern und genossen eine umfangreiche Bildung. Sie verzichteten auf ein bequemes Leben und stürzten sich noch während des Kaiserreiches in den Kampf für die rechtliche Gleichstellung der Frau. Ihr Vermögen investierten sie in die Gründung und Unterstützung verschiedener Frauenprojekte: Mittagstische für Arme und Zufluchtsstätten für Prostituierte, Kinderhorte und in andere karitative Frauen-Projekte. Gemeinsam mit Minna Cauer und Hedwig Dohm riefen sie die Frauenstimmrechtsbwegung ins Leben. Die rechtliche Gleichberechtigung sollte dabei nur eine Etappe sein, nie das alleinige Ziel.

Beide Frauenrechtlerinnen waren publizistisch tätig und waren international glänzend vernetzt. Si9e gaben im Verlaufe ihres Wirkens mehrere Zeitschriften heraus, darunter die „Frau im Staat“, und organisierten Frauenkongresse, an denen Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt teilnahmen.

Heymanns und Augspurgs politisches Wirken beschränkte sich keineswegs auf „reine Frauenbelange“. Sie engagierten sich auch gegen nationalistischen Wahn, Chauvinismus und Antisemitismus. So forderten sie bereits 1923 die Ausweisung Adolf Hitlers. Beispielhaft bleiben ihr Mut und ihr Einsatz für eine gerechtere Welt.

Es wäre jedoch verfehlt, sie zu Heldinnen zu stilisieren, mit denen sich Frauen heute bruchlos identifizieren können. In ihrer Haltung zum Kolonialismus erweisen sich Heymann und Augspurg als Töchter ihrer Zeit. Zwar geißelten sie die Brutalität des Imperialismus und die bestialischen Kolonialpraktiken. Jedoch hielten sie in ihrem weiß-europäischen Überlegenheitsdünkel daran fest, dass Europa und die junge USA als „Kulturnationen“ den „unzivilisierten“ Völkern überlegen seien. Mit diesem Überlegensheitsdenken unterstützten sie das, was heute zu recht als der rassistische Grundkonsens einer weißen Gesellschaft gilt: Menschen anderer Hautfarbe und nicht-europäischer Kultur als unterlegen, „weniger entwickelt“, in letzter Konsequenz „weniger wert“ darzustellen.

Mit Blick auf die aktuellen Debatten über Critical Whiteness und Intersektionalität scheint es mehr als notwendig den Blick dafür zu schärfen, in welcher Tradition die historische, aber auch die gegenwärtige, vorwiegend weiße Frauenbewegung steht – ohne jedoch ihre Leistungen und Errungenschaften schmälern zu wollen.

Wer sich eingehender mit Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg beschäftigen möchte, hier Literturtipps:

Margit Twellmann (Hrsg.): Erlebtes – Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940.

Ursula Scheu/Anna Dünnebier: Die Rebellion ist eine Frau.

Zudem sei auf die Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung verwiesen, die nicht nur über Archivalien der ersten Frauenbewegung verfügen, sondern auch über diese Thematik eine gut sortierte Bibliothek.

Freiheit für Femen in Tunis!

Amina Tyler

Gestern wurden drei Femen-Aktivistinnen von einem Gericht in Tunis zu vier Monaten Haft verurteilt. Ihr „Vergehen“: “ Verstoß gegen die guten Sitten und Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Die drei Femen haben für die Freilassung von Amina Tyler protestiert, die zuvor in Femen-Manier gegen die steigenden islamistischen Repressalien in ihrem Land, die insebsondere Frauen trifft, protestiert hat. Amina sitzt nun seit drei Wochen in Haft. Ihr drohen bis zu 12 Jahre Gefängnis.

Wie die Zeitschrift EMMA sehen wir auch diese Femen-Aktion kritisch. Der Grund: „Weil die entblößte Haut als plakative Protestfläche passend ist im Westen, wo die Haut der Frauen zu Markte getragen wird. Aber sie ist problematisch in einem islamistisch beherrschten Land. Denn die Entblößung dreier Westlerinnen wird dort von fast allen, nicht nur von Islamisten, als Bestätigung des Klischees westlicher und feministischer Dekadenz verstanden. Was sich zusätzlich belastend für Amina auswirken könnte.“

Dennoch brauchen alle vier Femen-Aktivistinnen, insbesondere Amina Tyler, internationale Solidarität! Hassiba Hadj Sahraoui, Stellvertretender Direktor von Amnesty International’s Middle East and North Africa Program, fordert ihre sofortige Freilassung: „Amina should be released from custody right away. She is being investigated for exercising her right to freedom of expression, and she should not be facing imprisonment for doing so.“  Er sieht Amina als politische Gefangene: „The charges appear to be politically motivated and targeting her for her activism on women’s rights.“ 

MONAliesA ist nicht Pro-Femen. MONAliesA ist Pro Menschenrechte, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit! Daher fordern wir die sofortige Freilassung der Femen-Aktivistinnen!

Stop Sex-Industry now!

Die ARD zeigt heute um 22.45 Uhr die Reportage „Sex. Made in Germany“. Sonia Kennebeck und Tina Solimann recherchierten 2 Jahre lang im deutschen Rotlicht-Milieu, sprachen mit Prostituierten, Bordellbetreibern und Freiern. Ihr Fazit lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „Die rot-grüne Bundesregierung hat mit drei dürren Paragraphen die Prostitution zu einem ganz normalen Beruf machen wollen und die Rechte der Frauen stärken wollen. Tatsächlich aber hat sie die Schleusen geöffnet, ohne die Bedingungen zu regulieren, unter denen die Frauen arbeiten.

Der Sextourismus in Deutschland boomt. Mittlerweile scheinen deutsche Großbordelle  den herkömmlichen Sehnswürdigkeiten den Rang abzulaufen. Kennebeck und Solimann: „Vorteile hat das Gesetz vor allem den Freiern gebracht. Die können sich in Deutschland nun bedenkenlos Sex kaufen, haben sozusagen einen Freibrief vom Staat, außerdem gibt es mittlerweile an jeder Ecke legale Bordelle, die in ihrem Preiskampf immer günstigere Angebote machen. Das nutzen auch die ausländischen Freier, die hier ihren Bordell-Urlaub verbringen, etwa eine Sechs-Tage-Puff-Tour durch Deutschland – mit freundlicher Genehmigung der Bundesrepublik.

Feminist_innen, die sich klar gegen (Zwangs-)Prostitution und die prosperierende Sex-Industrie aussprechen, haben in Deutschland einen schweren Stand. Dabei stellen sie zumeist die berechtigteren Fragen, die von den so genannten „Sex-Positiven“-Feminist_innen und Hurenorganisationen bis heute bis heute oft ausgeblendet oder nur unzureichend berührt werden. Etwa: Wie kann man den Kapitalismus kritisieren und gleichzeitig Pro-Sex-Work sein? Welches Männerbild wird hier eigentlich (re-)produziert? Was machtet es letztendlich mit einer Gesellschaft, in der das menschliche Dasein völlig ökonomisiert ist? Und wie es mit dem noch nicht abgeschlossenen Projekt „Geschlechterdemokratie“ bestellt, wenn der größte Zuhälter der deutsche Staat ist?

An den/die Zettelschreiber_in

img_0001Liebe_r Zettelschreiber_in,

leider haben wir auf Grund fehlender Kontaktdaten nicht die Möglichkeit persönlich auf Ihren Zettel zu antworten, daher dieser Blogeintrag in der Hoffnung, dass Sie ihn eventuell lesen werden.

Sie haben uns am 5. März, am Abend der Femen-Veranstaltung, einen Zettel hinterlassen, den wir leider erst jetzt entdeckt haben. Darin kritisieren Sie zwei Bezeichnungen unserer Bibliothekssystematik und die darin eingeordnete Literatur.

Zur Bestandssystematik:

Sie kritisieren die Begriffe „Behinderte“ und „Indianerinnen“. Sie haben völlig Recht. Auch ich persönlich verwende die Umschreibung „Menschen mit Behinderung“ und spreche lieber von „Native Women“, „Indigene Frauen“ oder „Frauen der First Nations“. Nicht unerwähnt soll aber bleiben, dass es natürlich auch Natives gibt, die sich (in ironischer Aneignung) selbst als „Indians“ bezeichnen – um „den Weißen“ vor Augen zu führen, was für Nieten sie doch in Geografie seien.

Sie kritisieren ferner, wenn auch etwas unkonkret, die angebotene Literatur unter dem Schlagwort „Indianerinnen“. Unter diesem (nochmal: unglücklichen) Begriff sind Bücher einsortiert, die sich aus unterschiedlicher Perspektive und mit verschiedenen stilistischen Mitteln mit den Native Women beschäftigen. Ich bestreite nicht, dass sich auch Bücher darunter befinden, die ein verkitschtes und romantisierendes Bild der Native Americans zeichnen. Dazu ist zunächst grundsätzlich zu sagen, dass der Medienbestand von MONAliesA nicht erst vor zwei Wochen aufgebaut wurde, sondern seit 1990 (!) kontinuierlich wächst. Inhalt und Struktur unserer Bibliothek haben bereits eine eigene Geschichte und weisen die „Handschriften“ der zahlreichen Mitarbeiterinnen und Helferinnen der vergangenen 23 Jahre auf. Eine vorsichtige Schätzung geht mittlerweile von mehr als 20.000 Medieneinheiten aus. Die kontinuierliche Pflege eines solch großen Bestandes ist für einen Verein wie uns eine sehr aufwändige Angelegenheit. Sie können sich aber sicher sein, dass die Frage der Bestandsrevision bei MONAliesA seither mehrfach, auch kontrovers, diskutiert wurde. Schon aus Platzgründen sortieren wir ab und an auch Bände aus und vertreten dennoch die Meinung, dass es nicht Aufgabe einer Bibliothek ist, seine Leser_innen mittels Giftschranksystem zu bevormunden. Im Zweifelsfall setzen wir lieber auf persönliche Beratung und den Hinweis auf weitere Literatur. Dazu ist es freilich unabdingbar, dass wir auch offen angesprochen werden – Uns also (anonym) ein mangelndes Bewusstsein vorzuwerfen, verkennt die Hintergründe und Rahmenbedingungen einer Bibliothek wie MONAliesA vollkommen. Hätten Sie sich, liebe_r Kritiker_in, zudem einmal die Zeit genommen, den kritisierten Bestand genauer durchzusehen, dann wäre Ihnen unschwer aufgefallen, dass die große Mehrheit der angebotenen Literatur von Native Women selbst verfasst wurde. Zu nennen wären hier: Winona LaDuke, Wilma Mankiller, Beverly Hungry Wolf oder Leslie Marmon Silko. Wer diese Bücher liest, dem wird schnell klar, dass hier keine (post)kolonialen Fanasien bestätigt werden, sondern tiefe Einblicke in die Geschichte, Gegenwart und Kultur der Native Americans geboten werden.

MONAliesA hat im Blog schon mehrfach auf Themen wie „Native Women“ oder „Indigenous Feminisms“ hingewiesen, auch Literaturtipps gegeben. Wir haben auch den kopflosen Umgang mit Symbolen und Bekleidungen der amerikanischen Ureinwohner kritisiert und dazu passende Bücher  empfohlen. In unserem Veranstaltungsprogramm berücksichtigen wir quasi permanent auch Themen, die sich kritisch mit diesen und ähnlichen Zusammenhängen beschäftigen: Ich gehe nicht davon aus, dass Sie, liebe_r Kritiker_in, schon mal einen solchen Vortrag bei uns besucht haben, denn diese Themen gehören häufig leider nicht zu den besucherstärksten. Und darum noch mal: Uns mangelnde Sensibilität oder fehlendes Wissen über (post-)koloniale Zusammenhänge vorzuwerfen, ist nicht fair.

Warum ändern wir aber nicht einfach solch problematische Schlagworte wie „Indianerinnen“ oder „Behinderte“? An Willen fehlt es uns sicher nicht, schon eher an Kapazitäten: Die Frauen-/Genderbibliothek wird zur Zeit komplett ehrenamtlich betreut. Dies schließt die Einarbeitung neuer Medien, Betreuung der Ausleihe und die Bestandpflege mit ein. Jeder Eingriff in die Tektonik eines historisch gewachsenen Bestandes wie den unsrigen ist ein äußerst arbeitsaufwändiges Unterfangen: Es müssen nicht nur zahllose Karteikarten geändert, sondern auch Eintragungen im Online-Bestandskatalog sowie  Änderungen in der Gesamtsystematik vorgenommen werden. Dazu fehlen uns im Moment schlicht die personellen Ressourcen.

Zum Schluss schreiben Sie, dass Sie sich in der Bibliothek „sehr unwohl“ fühlten. Ich bedaure das sehr, zumal Ihnen so leicht hätte geholfen werden können: Wir freuen uns jederzeit über Kritik und Meinungsbekundungen an unserer Arbeit, sofern die Betroffenen sich wenigstens bemühen auch das direkte Gespräch mit uns zu suchen. Es ist äußerst schwer auf anonyme Kritik zu reagieren und es zeugt auch nicht von Fairness. Ich finde diesen Umstand mehr als schade und wünsche mir für die Zukunft, dass Besucher_innen und Nutzer_innen auf uns zu kommen, uns ihr Anliegen oder Problem direkt schildern bzw. uns einfach fragen. Nur so können Missverständnisse künftig vermieden werden. „Also, traut Euch!“

Gedanken zum Männertag

Hats off – dresses on!

An diesem Donnerstag ist es mal wieder soweit: Männer jeglicher Altersgruppen werden sich auf ihre mit Flieder beschmückten Fahrräder schwingen und grölend durch die Gegend torkeln. Ja, es ist mal wieder Männertag und für einige bestimmt auch eine Himmelfahrt.

Während der Internationale Frauentag ein alljährlicher Anlass dafür ist auf zahlreichen Veranstaltungen über Sexismus, Quote, Kita-Plätze oder Gehaltsdiskriminierung bei Frauen zu sprechen, zeichnet sich der Männertag durch kollektive Saufgelage, Bordellbesuche und andere fragwürdige Männlichkeitsrituale aus. Aber warum ist das so? Wäre es denn nicht wünschenswert diesen Tag, der übrigens auch Vatertag genannt wird, als Anlass zu nehmen, um über Männlichkeit, Machtstrukturen, neue Väter oder Emanzipation kritisch zu diskutieren? Angesichts einer wachsenden antifeministischen Bewegung wäre das mehr als notwendig. Aber vielleicht liegt dieser bedauernswerte Umstand daran, dass es in Deutschland keine emanzipative, feministische Männerbewegung gibt. Schade, dabei gibt es inner- und außerhalb Europas sehr gute Beispiel, wie diese aussehen könnte.

Da wären zum Beispiel die men against prostitution oder zéromacho, die sich gegen Prostitution und Frauenhandel aussprechen und dazu zahlreiche Kampagnen durchführen.

Oder eine Solidaritätsaktion kurdischer Männer (siehe Bild). In der facebook-Aktion „Kurd Men for Equality“ solidarisiseren sie sich mit einem kurdischen Mann, der von der iranischen Regierung dazu verurteilt wurde als Strafe traditionelle kurdische Frauenkleidung zu tragen. Gegen dieses sexistische und auch rassistische Urteil haben zahlreiche Männer weltweit reagiert und sich in Frauenkleidern fotografiert.

An Stelle einer Kiste Bier empfehlen wir die Lektüre „Fritzi und ich“ von Jochen König. Darin beschreibt der Autor über sein Vater-Tochter-Verhältnis und darüber wie es sich anfühlt, ein echter „neuer Vater“ sein.

Also Jungs und Männer, ihr könnt ja gerne mit euren Blumenfahrrädern durch die Gegend kurven. Aber anstatt die Bierplautze mit noch mehr Bier zu füllen, wie wäre es mit einer Antisexismus-Radeltour? Es wäre höchste Zeit!

Top of the lake

Elisabeth Moss alias Robin Griffin

Trigger-Warnung: Es geht um sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungskultur.

Jane Campion hat wieder zugeschlagen. Die Macherin von „Das Piano“ oder „Bright Star“ beweist einmal mehr, dass sie zu einer der wichtigsten Filmregisseurinnen der Gegenwart zählt. Ihr neueste Produktion heißt „Top of the lake“ und könnte hinsichtlich des Themas aktueller kaum sein: In sieben Folgen geht Jane Campion der Frage nach, wie sexualisierte Gewalt und deren Wurzeln  bekämpft werden können, wenn der Schuldige (Patriarchat und dessen Auswirkungen) nicht einfach vor Gericht gestellt und verurteilt werden kann? Und auch wenn Täter im höheren Maße inaftiert werden würden, die sexualisierte Gewalt würde weitergehen, weil sie so normal ist. Das Problem ist nicht der individuelle Täter, sondern eine Kultur, die sexualisierte Gewalt akzeptiert und feiert.

Und genau in diese Realität, in diese Vergewaltigungskultur zielt die Miniserie „Top of the Lake“. Im Zentrum steht die Kriminalbeamtin Robin Griffin. Sie soll das Verschwinden der 12jährigen Tui aufklären, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden ist und seitdem vermisst wird. Die Suche nach ihr entwickelt sich für Robin, selbst Opfer einer gang rape, als eine Tour de Force, in der sie sich in einer Gesellschaft aus drinkenden, bewaffeneten, Drogen produzierenden und pädophilen Männern durchsetzen muss. Auch von ihren Kollegen, ein Old-Boys-Club par excellence, erfährt Robin keine Unterstützung.

Wer jetzt glaubt, dass Jane Campion eine Art „Anti-Männerserie“ gedreht hat, in der die Frauen nicht nur die Opfer, sondern auch die Guten sind, muss leider enttäuscht werden. Vielmehr zeigt sie mit schonungloser Offenheit wie stark sexualisierte Gewalt in das Leben eines Einzelnen hineinwirkt und was es letzendlich mit einer Gesellschaft macht, die Opfer verhöhnt und entmenschlicht.

„Top of the Lake“ wurde auf dem diesjährigen Sundance-Filmfestival und der Berlinale gezeigt und frenetisch gefeiert. Ausgestrahlt wurde die Serie bereits im amerikanischen, australischen und neuseeländischen Fernsehen. Ob und wann die Serie auch im deutschsprachigen Raum zu sehen seid wird, steht noch in den Sternen. In Kürze wird „Top of the lake“ als DVD-Box zu erwerben sein und dann bei uns zur Ausleihe bereitstehen.

http://www.youtube.com/watch?v=YerIiHm-JtQ

Nicht aufhören anzufangen

Nicht aufhören anzufangen. So lautet der Titel der wunderbaren Biografie über Monica Hauser und die von ihr gegründete Organisation medica mondiale, die in diesen Tagen ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert.

Alles begann vor zwanzig Jahren mit dem Balkan-Krieg. Die Medien sind voll von Geschichten über Gräultaten an der Zivilbevölkerung. Insebsondere die Massenvergewaltigungen von Frauen schockiert die Weltöffentlichkeit. Am 26. November 1992 erscheint im »Stern« ein Artikel über die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg. Monika Hauser ist entsetzt und wütend über den neuerlichen Missbrauch der Opfer durch Fotografien und drastische Sprache. Sie nimmt Kontakt zu Gabi Mischkowski, die einen wütenden Artikel in der Tageszeitung „taz“ über die reißerische Berichterstattung geschrieben hat. Gemeinsam erkennen sie, dass für die Frauen im Kriegsgebiet getan werden muss – und zwar unabhängig ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit.

Monika Hauser reist nach Zagreb und nimmt dort Kontakt mit der Zagreber Frauenlobby auf und spricht mit zahlreichen Flüchtlingsfrauen. Am Ende stand ihr Entschluss fest: ein autonomes Zentrum, das gynäkologische und psychologische Hilfen zusammenführt und einen geschützten Raum  für die Frauen und ihre Kinder schafft. Hauser Wahl fiel auf die Stadt Zenica. Dort befanden sich Ende 1992 etwa 120.000 Flüchtlinge, von denen etwa 70% Frauen waren. In Zenica sucht sie Kontakt und Unterstützung duch lokale Frauen. Es entsteht ein Team von Ärztinnen, Krankenschwestern, Psychologinnen, Psychiaterinnen, einer Sekretärin und einer Hausleiterin. Sie mieten ein leerstehenden Kindergarten, dort entstehen im Erdgeschoss Ambulanz und Operationssaal und oben Wohnräume für zwanzig Frauen. Am 4. April 1993 wird Medica Zenica offiziell eröffnet.

Mittlerweile existieren ähnliche Pojekte u. a. in Afghanistan, Albanien,Liberia und DR Kongo. In ihrem 20jährigen Bestehen hat medical mondiale nicht nur tausenden von Frauen und Mädchen geholfen. Sie hat auch der Trauma-Arbeit, die zu Beginn der 1990er Jahre noch ganz am Anfang stand, zum entscheidenden Durchbruch verholfen.

Anlässlich des 20. Jubiäums von medica mondiale haben wir Monica Hauser nach Leipzig eingeladen. Sie wird am 25. November über die aktuelle Situation und Zukunftspläne ihrer Organisation sprechen. Parallel wird vom 15.11. bis zum 2.12.2013 in der unteren Wandelhalle im Neuen Rathaus die Ausstellung „Starke Stimmen – Frauen in Afghanistan“ zu sehen sein.

Liebe Monika Hauser, liebe medica-mondiale-Mitstreiter_innen, bitte nicht aufhören weiterzumachen!

Brief an Michelle Williams

Michelle Williams als „Indianerin“ – Was soll das?

Liebe Michelle Williams,

seit Jahren sehe ich viele Deiner Filme und bin jedesmal begeistert von deinem schauspielerischen Können. In dem Meer an botoxverseuchten und mehr oder minder talentfreien Schauspielerinnen bist Du glücklicherweise eine große Ausnahme. Doch seit dem Cover des AnOther Magazine finde ich dich irgendwie gar nicht mehr cool. Was ist passiert?

Auf dem Cover bist Du ziemlich eindeutig als Native Woman verkleidet. Ja richtig, verkleidet. In der weißen kapitalistischen Gesellschaft wird das gerne als Ethno-Look bezeichnet. Dieser Mode-Trend taucht immer mal wieder wellenartig auf und soll stets ein Hauch von „Andersartigkeit“, „Naturnähe“ oder „Exotik“ versprühen. Mode darf das, denn „Mode hat keine Moral und darf machen, was sie will.“ So die Meinung von Sabine Resch, Studienleiterin im Bereich Modejournalismus an der Münchner AMD Akademie Mode und Design und Dozentin für Modetheorie. Sie hält die Debatte um Dein Cover-Foto für reichlich übertrieben. Ignoranter kann ein Mensch kaum sein.

Die kapitalistische, rasstische und auch sexistische Vereinnahmung der Kultur der Native Americans, sei es in Nord-, Mittel- oder Südamerika, hat eine lange Tradition und ist eng mit der Geschichte der Kolonisation und ethnischen Verfolgung indigener Menschen verbunden. Menschen indigener Abstammung bzw. Zugehörigkeit wurden jahrhundertelang verfolgt, ihre Sprachen, Religionen und Bräuche wurden unterdrückt und in manchen Regionen auch ausgelöscht. Erst mit dem Aufkommen des American Indian Movement in den 1970er Jahren gelang eine Gegenbewegung zur Bewahrung und Stärkung der vielen hunderten unterschiedlichen Nations.

Die weiße Vereinnahmung indigener Kulturen reicht von Hollywoodfilmen (siehe z. B. Der mit dem Wolf tanzt oder Der letzte Mohikaner) über Musik bis hin zur Mode. Liebe Michelle, hast Du jemals darüber nachgedacht, dass Muster oder Federn für viele Native Americans keine x-beliebige Konsumprodukte sind, sondern essentielle Bestandteile ihrer Identität und Kultur? Hast Du überhaupt eine Ahnung davon, dass die Mode der Native Americans mehrere Jahrhunderte alt ist? Gemusterte Stoffe, die bestimmten Ethnien zugeordnet werden, sind da nicht  einfach nur Muster. Sie haben zum Teil spirituelle Bedeutungen oder sind Zeichen, die mit Botschaften oder gar Geschichten verbunden sind. Aber um das zu wissen, liebe Michelle, muss man sich mit deren Geschichte und Kultur intensiv beschäftigen. Hier sind ein paar Tipps:

* Identity by Design. Tradition, Change, and Celebration in Native Women´s Dresses, von National Museum of the American Indian.

* Indigenous American Women: Decolonization, Empowerment, Activism, von Devon Abbott Mihesuah.

* Conquest. Sexual Violence and American Indian Genocide, von Andrea Smith.

* Reel Injun. On the trail of the Hollywood Indian, Dokumentation 2011.

Ach Michelle, ich dachte Du bist irgendwie klüger als z. B. Gwen Stefanie und ihre Band No Doubt. Die haben im letzten Jahr mit ihren Video „Looking Hot“ mal so richtig in die rasstisch-sexistische Mottenkiste gegriffen. In diesem Clip ist Gwen Stefanie als blonde „sexy Indian Maiden“ zu sehen. Weißt Du Michelle, dass diese rassistische und sexistische Pervertierung der Native Women u. a. ein Grund für die massive sexualisierte Gewalt gegenüber indigenen Frauen ist?

Eigentlich wollte ich mir in dieser Woche Deinen neuen Film „Take this Waltz“ anschauen, aber das überlege ich mir noch. Schade.

 

 

Frauenpreis für Zeitzeuginnenprojekt

MONAliesA wurde  am 8. März mit dem 16. Frauenpreis der Sächsischen SPD-Landtagsfraktion ausgezeichnet. Sie wurde für ihre Mitarbeit in dem internationalen Zeitzeuginnenprojekt „Erinnerung und Vergessen“ geehrt, das letztes Jahr zum zweiten Mal in der Ukraine stattfand und in diesem Jahr an der polnisch-tschechischen Grenze seine dritte Fortsetzung findet. Wir freuen uns sehr über diesen Preis, der mit 500 € dotiert ist.

Der zweite Dokumentation dieses feministischen Geschichtsprojektes „The Railway Station Krasne – Busk. Stories of resettled women“ ist fertig und kann demnächst bei uns ausgeliehen werden. Solange vetrösten wir Euch mit dem Trailer:

Make your own history!

„Documenting is activism.“ So beginnt der Sammelband „Make your own history. Documenting feminist and queer activism in the 21st century“. Das von Lyz Bly und Kelly Wooten herausgegebene Buch versammelt verschiedene Aufsätze von Aktivisist_innen, Bibliothekar_innen und Archivar_innen, die sich in ihren Beiträgen den theoretischen und praktischen Herausforderungen sowie Vorteile der Archivierung und Dokumentation früherer und zeitgenössischer queer-feministischer Bewegungen widmen.

Im Zentrum steht die Frage, wie  Aktivist_innen und Bewegungen archiviert werden können, die sich heute vor allem durch Internet, weniger Papierproduktion und fester Organisationsstruktur auszeichnen.

Dieser Aufsatzband richtet sich nicht nur an diejenigen, die Bibliothek und Archiven arbeiten, sondern vor allem auch an die Aktivist_innen selbst. Die Autor_innen machen sehr deutlich, wie wichtig eine Dokumentation der gegenwärtigen queer-feministischen Bewegungen in Print und im Internet ist, damit sie in der Geschichte nicht unsichtbar werden und erworbenes Wissen weitergegeben werden kann.

Make your own history. Documenting feminist and queer activism in the 21st century – ab jetzt bei uns ausleihbar.