Archiv der Kategorie: Feminismus

Lose Hate not Weight!

Haley Morris Cafiero

Ich weiß gar nicht mehr wann genau, aber es war auf jeden Fall vor meinem 10. Lebensjahr, als meine Mom meine erste Diät verordnete. „Ich sei zu dick.“, meinte sie. Seitdem habe ich begriffen, dass Mädchen vorrangig nicht schlau und stark zu sein haben, sondern schlank und schön.

Wie stark dicke Menschen mit Ressentiments zu kämpfen haben zeigen die Fotos von Haley Morris Cafiero. Während in der Highschool die Welt noch in Ordnung schien (Sie war sportlich und spielte in drei Teams Soccer.), nahm sie auf dem College plötzlich drastisch zu (von Größe 7 auf 14). Die Diagnose: eine Schilddrüsenunterfunktion. „Ich versuchte zunächst, mit Diäten und Gewichtstraining gegenzuhalten. Dann kam ich irgendwann an den Punkt, dass es keinen Sinn mache, mich für etwas zu bestrafen, für das ich nichts konnte. Seltbstzerfleischung ist Zeitverschwendung.“

Ihre Umwelt und Mitmenschen sahen das aber anders. Sie machten sich auf offener Straße über den Körper von Haley Morris Cafiero lustig. Doch Cafiero schoss zurück und zwar mit einer Fotokamera. Ihre produzierten Fotoserien tragen Titel wie „Wait Watchers!“ oder „Gelato“. Sie zeigen Haley an öffentlichen Orten, wo sie sich unwohl fühlte. Egal ob in Spanien, Peru, New York oder Memphis, das Ergebnis war überall gleich. Haley: „Wenn ich diese Bilder betrachte, bin ich nicht verletzt. Ich fühle mich dann so, als ob ich ihren Blick erwidere und gegen sie richte. Ich fühle mich gut, so wie ich bin, ich brauche von niemandem eine Erlaubnis für meine Existenz.“

An dieser Stelle sei auch das Buch von Virgie Tovar empfohlen (Bei uns ausleihbar!) . In „Hot and Heavey. Fierce Fat Girls on Life, Love and Fashion“  versammelt sich bewegende und ermutigende Berichte von dicken Frauen. Sie schreiben offen über Sex mit dicken Körpern, Fat-Burlesque oder Plus-Size-Modeling.

Sommerpause und Ausblick

In der kommenden Woche startet die Frauen- und Genderbibliothek in die wohlverdiente Sommerpause! Der Ausleihbetrieb ist daher vom 29. Juli bis 31. August geschlossen.
Das Büro ist ebenfalls eingeschränkt besetzt: Vom 06.08. bis 31.08. am Dienstag und Donnerstag jeweils von 9 bis 14 Uhr.

Ab September starten wir wieder durch und es erwarten Euch u. a. diese Neuerwerbungen:

Rigoberta Menchu: Enkelin der Maya und Klage der Erde

In diesen beiden Büchern erzählt die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu über den Kampf der Maya gegen Genozid und politische Verfolgung der indigenen Bevölkerung in Guatemala. Die berühmteste Frau Guatemalas erzählt ausführlich über ihre Kindheit in dem kleinen Dorf Chimel, über ihre Familie, die Zeit der furchtbaren Repression, über ihren Bezug zur Erde und zur Natur, ihre Bemühungen in den Korridoren der UN-Menschenrechtskommission in Genf und New York, die Verleihung des Nobelpreises …

 

 

 

Peggy Piesche (Hg.): Euer Schweigen schützt euch nicht

Der vorliegende Band ist eine Sammlung von bereits erschienenen und bisher unveröffentlichten Texten Audre Lordes. Ergänzt werden diese durch Texte von Frauen, die gemeinsam mit der Autorin den Weg einer deutschen Schwarzen Frauenbewegung gingen und von Schwarzen Frauen der Nachfolgegenerationen aus Deutschland, die sich mit ihrem Erbe und den aktuellen Kämpfen auseinander setzen.

 

 

Gabriele Dietze: Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderkritiken

Die Studie konfrontiert zwei zentrale Emanzipationsanstrengungen der Moderne miteinander: unmarkierte ›weiße‹ US-amerikanische Frauenbewegungen und den Kampf um Bürgerrechte von people of color. Es geht dabei um implizite Sozio- und Psycho-Logiken, die Feminität mit whiteness gleichsetzen und race-Emanzipation mit Maskulinität. Die Studie untersucht kontraproduktive Race-Gender-Konkurrenzen, z.B. einen ›Rape-Lynching-Komplex‹, der schwarze Männer und weiße Frauen in ein Gewaltverhältnis imaginiert, Sexualpolitik im Second Wave Feminism und den Prozess um O.J. Simpson. Erkenntnisinteresse ist die Verfugung von Sexismus und Rassismus und seine soziokulturellen Repräsentationsformen.

 

Beate Binder u. a. (Hg.): Eingreifen, kritisieren, Verändern. Interventionen ethnographisch und geschlechtertheoretisch

Unter dem Stichwort „Interventionen“ versammelt dieser Band unterschiedliche Perspektiven auf ethnographische und geschlechterkritische Wissensproduktion, die kritisierend und verändernd in politische Konfliktfelder eingreifen will und auf vielfältige Formen der Kollaboration mit sozialen Bewegungen und gesellschaftlichen AkteurInnen setzt. Die Beiträge loten das Dazwischensein aus – zwischen ForscherInnen und Beforschten, zwischen Wissenschaft, Kunst und Aktivismus.

 

Linda Tuhiwai Smith: Decolonizing Methodologies. Research and indigenous peoples

Ein Klassiker! In diesem Grundlagenwerk beschreibt sie wie westliche Wissenschaften immer noch kolonialistisch arbeiten und wie wissenschaftliche Methoden dekolonialisiert werden können, damit indigene Menschen wieder zu Subjekten werden können. Weiterhin hinterfragt Linda Tuhiwai Smith die Verbindungen zwischen Imperialismus und Forschung und Konzepte wie „Entdeckung“ und „Claiming“, die dazu beigetragen haben, wie sich der Westen indigene Welten in das eigene Netz integriert und dadurch diese entfremdet hat. Ein großartiges Buch! Lesen!

 

 

Hit so hard. The life and near death of Patty Schemel (DVD)

Patty Schemel war ab 1992 die Drummerin der Band Hole. In dem Doku-Film „Hit so Hard“  erzählt sie über ihre Zeit in der Band und über ihre massiven Drogenprobleme. Neben Interviews mit Courtey Love, Eric Erlandson und Melissa Auf Der Maur sind bislang noch nie gezeigte Filmaufnahmen zu sehen, die Patty Schemel während ihrer Zeit mit Hole gedreht hat. Patty Schemel, eine Frau über die eine Dokumentation auf alle Fälle lohnt.

Sing us a song, piano woman

Das gängige Bild eines weiblichen Fans lautet ungefähr so: Sie steht kreischend und hysterisch vorm Hotel oder der Konzertbühne, hält selbstbemalte Pappen mit Herzchen hoch und ist beim Anblick des meist männlichen Musikers kaum noch zu bändigen. Sie würden alles tun, um ihr männliches Idol einmal zu treffen und sie geben ihr komplettes Taschengeld für Merchandise aus.

Dieses Klischee ist so alt wie die Popkultur selbst: angefangen von der „Beatlermania“ über die Boygroups der 1990er bis hin zum „Bieber-Fever“ in unserer Zeit. Es wird von der Musikindustrie fleißig gepflegt, verpsricht dies doch Umsätze in Milliardenhöhe. Auch die Musikjournalist_innen leisten ihren Beitrag: weibliche Fans werden entweder als Groupies oder Fanatikerinnen abgestempelt. Seriöse Beiträge oder gar Untrersuchungen über weibliche Fans jeneseits des beschriebenen Stereotyps sind sehr rar.

Um so wertvoller ist die von Adrienne Trier-Bieniek vorgelegte Studie „Sing us a Song, Piano Woman. Female Fans and the Music of Tori Amos“. Dieses Buch leistet einen fundamentalen Beitrag zu unserem Verständnis von weiblicher Fan-Kultur, das Verhältnis zwischen feministischer Musik und feministischen Aktivismus und wie feministische Musikerinnen gängige Stereotypen in der Popkultur negieren bzw. herausfordern.

Der Auslöser sich mit weiblicher Fankultur und der heilenden Wirkung von Musik am Beispiel der Fangemeinde von Tori Amos zu beschäftigen war der Amoklauf der Virginia Tech in Blacksburg (Virginia) im Jahr 2007. Die Autorin: „I had about a month of experiencing that sense of loss with people who also had experienced it, then I was yanked out of there. I was looking for some way to help me deal with this big sense of loss.“  Sie fand ihre Heilung in den Alben The Beekeeper und American Doll Posse von Tori Amos.

Dass Trier-Bieniek mit ihrer Erfahrung nicht allein ist, zeigen die zahlreichen  und zum Teil auch bewegenden Ausschnitte aus den zahlreichen Inrerviews mit Fans von Tori Amos.

Hier ein paar Beispiele:

These songs are not about break-ups and make-ups…. They´re about the things that go on in a woman heart. […] They´re about the breaking down the patriarchy within relationships and the idea of women claiming their own power.“ (S. 20)

I was molested when I was little by my mom´s best friend´s son. […] But Tori, it´s definitely helped me, just her music.“ (S. 71)

Die Fans schätzen Tori Amos nicht nur, weil sie in ihren Texten die Erfahrungen von Frauen im Mittelpunkt stellt. Eine Mehrheit der befragten Frauen identifiziert sich auch mit Toris feministischen Anliegen: „Like a lot of songs are feminist and I feel like a lot of her songs, something like „Winter“ or the Little Earthquakes album in general….“ (S. 41)

Adrienne Trier-Bieniek ist ein wundervolles Buch gelungen, das sich trotz englischer Sprache leicht lesen lässt. Dieses Buch ist nicht nur etwas für Tori Amos-Fans, sonder für alle, die sich mit Feminismus, Musik und Pop-Kultur beschäftigen.

Und zum Abschluss noch einer meiner absoluten Favoriten von Tori Amos:

http://www.youtube.com/watch?v=lCpOAXIgF9U

40 Jahre jüdischer Feminismus – masel tov!

Die Frau im TallitAm Donnerstag, den 27.06., um 19 Uhr spricht Dr. Yvonne Domhardt über „Die weibliche Seite des Judentums“. Ihr Vortrag über 40 Jahre jüdischer Feminismus findet im Rahmen der Jüdischen Woche 2013 Leipzig statt.

1972 hatte alles begonnen: Die Ernennung der Amerikanerin Sally Priesand zur ersten Rabbinerin nach der Schoa (bereits 1935 wurde Regina Jonas in Deutschland zur ersten Rabbinerin weltweit ordiniert) markierte einen Meilenstein in der jüdischen (Frauen)Geschichte und kann als Geburtsstunde des jüdischen Feminismus gesehen werden. Ursprünglich in den Vereinigten Staaten aufgekommen, erreichte der jüdische Feminismus bald auch Europa. Die Judaistin Yvonne Domhardt zeichnet  in ihrem Vortrag die Geschichte der jüdisch-feministischen Bewegung vorwiegend innerhalb Deutschlands – auch mit Blick auf Schweizer Verhältnisse – nach.

Ausgehend von der nahezu in Vergessenheit geratenen Tradition der jüdischen Frauenbewegung im Deutschland vor der Schoa mit Bertha Pappenheim als Gründerin des jüdischen Frauenbundes JFB (1904) bis hin zur jüdisch-feministischen Initiative Bet Debora setzt sie sich kritisch mit jüdischen Traditionen auseinander und sucht nach Wegen für ein weiblicheres Judentum, für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Judentum.

Feministisch, radikal, streitbar

Anita Augspurg u. Lida Gustava Heymann (v.l.)

Vor etwa 70 Jahren verlor der radikale Flügel der ersten Frauenbewegung um die Jahrhundertwende ihre wohl zwei wichtigsten und streitbarsten Protagonistinnen: Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) und Anita Augspurg 1857 – 1943).

Beide stammten aus priviligierten Elternhäusern und genossen eine umfangreiche Bildung. Sie verzichteten auf ein bequemes Leben und stürzten sich noch während des Kaiserreiches in den Kampf für die rechtliche Gleichstellung der Frau. Ihr Vermögen investierten sie in die Gründung und Unterstützung verschiedener Frauenprojekte: Mittagstische für Arme und Zufluchtsstätten für Prostituierte, Kinderhorte und in andere karitative Frauen-Projekte. Gemeinsam mit Minna Cauer und Hedwig Dohm riefen sie die Frauenstimmrechtsbwegung ins Leben. Die rechtliche Gleichberechtigung sollte dabei nur eine Etappe sein, nie das alleinige Ziel.

Beide Frauenrechtlerinnen waren publizistisch tätig und waren international glänzend vernetzt. Si9e gaben im Verlaufe ihres Wirkens mehrere Zeitschriften heraus, darunter die „Frau im Staat“, und organisierten Frauenkongresse, an denen Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt teilnahmen.

Heymanns und Augspurgs politisches Wirken beschränkte sich keineswegs auf „reine Frauenbelange“. Sie engagierten sich auch gegen nationalistischen Wahn, Chauvinismus und Antisemitismus. So forderten sie bereits 1923 die Ausweisung Adolf Hitlers. Beispielhaft bleiben ihr Mut und ihr Einsatz für eine gerechtere Welt.

Es wäre jedoch verfehlt, sie zu Heldinnen zu stilisieren, mit denen sich Frauen heute bruchlos identifizieren können. In ihrer Haltung zum Kolonialismus erweisen sich Heymann und Augspurg als Töchter ihrer Zeit. Zwar geißelten sie die Brutalität des Imperialismus und die bestialischen Kolonialpraktiken. Jedoch hielten sie in ihrem weiß-europäischen Überlegenheitsdünkel daran fest, dass Europa und die junge USA als „Kulturnationen“ den „unzivilisierten“ Völkern überlegen seien. Mit diesem Überlegensheitsdenken unterstützten sie das, was heute zu recht als der rassistische Grundkonsens einer weißen Gesellschaft gilt: Menschen anderer Hautfarbe und nicht-europäischer Kultur als unterlegen, „weniger entwickelt“, in letzter Konsequenz „weniger wert“ darzustellen.

Mit Blick auf die aktuellen Debatten über Critical Whiteness und Intersektionalität scheint es mehr als notwendig den Blick dafür zu schärfen, in welcher Tradition die historische, aber auch die gegenwärtige, vorwiegend weiße Frauenbewegung steht – ohne jedoch ihre Leistungen und Errungenschaften schmälern zu wollen.

Wer sich eingehender mit Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg beschäftigen möchte, hier Literturtipps:

Margit Twellmann (Hrsg.): Erlebtes – Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940.

Ursula Scheu/Anna Dünnebier: Die Rebellion ist eine Frau.

Zudem sei auf die Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung verwiesen, die nicht nur über Archivalien der ersten Frauenbewegung verfügen, sondern auch über diese Thematik eine gut sortierte Bibliothek.

Freiheit für Femen in Tunis!

Amina Tyler

Gestern wurden drei Femen-Aktivistinnen von einem Gericht in Tunis zu vier Monaten Haft verurteilt. Ihr „Vergehen“: “ Verstoß gegen die guten Sitten und Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Die drei Femen haben für die Freilassung von Amina Tyler protestiert, die zuvor in Femen-Manier gegen die steigenden islamistischen Repressalien in ihrem Land, die insebsondere Frauen trifft, protestiert hat. Amina sitzt nun seit drei Wochen in Haft. Ihr drohen bis zu 12 Jahre Gefängnis.

Wie die Zeitschrift EMMA sehen wir auch diese Femen-Aktion kritisch. Der Grund: „Weil die entblößte Haut als plakative Protestfläche passend ist im Westen, wo die Haut der Frauen zu Markte getragen wird. Aber sie ist problematisch in einem islamistisch beherrschten Land. Denn die Entblößung dreier Westlerinnen wird dort von fast allen, nicht nur von Islamisten, als Bestätigung des Klischees westlicher und feministischer Dekadenz verstanden. Was sich zusätzlich belastend für Amina auswirken könnte.“

Dennoch brauchen alle vier Femen-Aktivistinnen, insbesondere Amina Tyler, internationale Solidarität! Hassiba Hadj Sahraoui, Stellvertretender Direktor von Amnesty International’s Middle East and North Africa Program, fordert ihre sofortige Freilassung: „Amina should be released from custody right away. She is being investigated for exercising her right to freedom of expression, and she should not be facing imprisonment for doing so.“  Er sieht Amina als politische Gefangene: „The charges appear to be politically motivated and targeting her for her activism on women’s rights.“ 

MONAliesA ist nicht Pro-Femen. MONAliesA ist Pro Menschenrechte, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit! Daher fordern wir die sofortige Freilassung der Femen-Aktivistinnen!

Stop Sex-Industry now!

Die ARD zeigt heute um 22.45 Uhr die Reportage „Sex. Made in Germany“. Sonia Kennebeck und Tina Solimann recherchierten 2 Jahre lang im deutschen Rotlicht-Milieu, sprachen mit Prostituierten, Bordellbetreibern und Freiern. Ihr Fazit lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „Die rot-grüne Bundesregierung hat mit drei dürren Paragraphen die Prostitution zu einem ganz normalen Beruf machen wollen und die Rechte der Frauen stärken wollen. Tatsächlich aber hat sie die Schleusen geöffnet, ohne die Bedingungen zu regulieren, unter denen die Frauen arbeiten.

Der Sextourismus in Deutschland boomt. Mittlerweile scheinen deutsche Großbordelle  den herkömmlichen Sehnswürdigkeiten den Rang abzulaufen. Kennebeck und Solimann: „Vorteile hat das Gesetz vor allem den Freiern gebracht. Die können sich in Deutschland nun bedenkenlos Sex kaufen, haben sozusagen einen Freibrief vom Staat, außerdem gibt es mittlerweile an jeder Ecke legale Bordelle, die in ihrem Preiskampf immer günstigere Angebote machen. Das nutzen auch die ausländischen Freier, die hier ihren Bordell-Urlaub verbringen, etwa eine Sechs-Tage-Puff-Tour durch Deutschland – mit freundlicher Genehmigung der Bundesrepublik.

Feminist_innen, die sich klar gegen (Zwangs-)Prostitution und die prosperierende Sex-Industrie aussprechen, haben in Deutschland einen schweren Stand. Dabei stellen sie zumeist die berechtigteren Fragen, die von den so genannten „Sex-Positiven“-Feminist_innen und Hurenorganisationen bis heute bis heute oft ausgeblendet oder nur unzureichend berührt werden. Etwa: Wie kann man den Kapitalismus kritisieren und gleichzeitig Pro-Sex-Work sein? Welches Männerbild wird hier eigentlich (re-)produziert? Was machtet es letztendlich mit einer Gesellschaft, in der das menschliche Dasein völlig ökonomisiert ist? Und wie es mit dem noch nicht abgeschlossenen Projekt „Geschlechterdemokratie“ bestellt, wenn der größte Zuhälter der deutsche Staat ist?

Heute um 19 Uhr laden wir im Kirschgarten gegenüber der Paul-Gerhard-Kirche ein:

“Für jede kommt die Zeit” – Eine musikalisch-szenische Lesung

An diesem Abend werden Ausschnitte aus Maxie Wanders bahnbrechendem Protokollband Guten Morgen, Du Schöne vorgestellt. Die darin aufgenommenen Erlebnisse von Frauen, die ihre Suche nach Lebenssinn und Lebensglück sowie ihre Sichtweisen auf Männer schildern, sollen mit gegenwärtigen weiblichen Befindlichkeiten musikalisch-szenisch verglichen werden. Was hat sich verändert im Laufe der Zeit? Fühlt und empfindet frau heute anders? Welche Beweggründe und Haltungen stehen jeweils dahinter? Und was für ein gesellschaftliches Bewusstsein? Eine musikalische Lesung, nicht nur für Frauen.

Dazu gibt es Sonne, ein kleines Buffet und kühle Getränke.

Jagende Aborigines-Frauen

KästnerJagendeSammlerinnen
© Sibylle Kästner

Am Dienstag, den 04.06., um 19 Uhr laden wir zu einer Buchvorstellung ein. Sybille Kästner wird über Jagende Sammlerinnen und sammelnde Jägerinnen bei den australischen Aborigines sprechen.

In ihrer feministisch-kritischen Analyse räumt die Autorin mit dem Stereotyp auf, Jagd sei eine Männerdomäne. Vielmehr ist das Erbeuten von Tieren in den Lebenszyklus und die religiöse Welt der Aborigines-Frauen eingebettet, wozu auch ihre aktive Teilhabe an Zeremonien zur Beutevermehrung gehört.

An dieser Stelle möchten wir auf weitere Literatur über Aborigines-Frauen aus unserem Bestand hinweisen.

 

Jackie und Rita Huggins: Die Stimme meiner Mutter

Entwurzelt und verschleppt leben noch heute Aboriginals aus den Zeiten der Stolen Generation in Australiens Ghettos. Rita erzählt ihre Geschichte, die durch all diese Demütigungen ging, aber sich durch ihre Lebenseinstellung zu beachtlichen Erfolgen wendete. Die Kindheit im Lager, wohin sie mit ihrer Familie deportiert war. Sie erlebt Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit des Reservats unter den entwürdigenden Regeln des weißen Mannes. Der Zusammenhalt ihrer Familie, das Bewußtsein der Eltern für Menschenwürde und spirituelle Werte, retten Ritas Persönlichkeit.
Wir erleben sie als Ehefrau, als Mutter, in ihrer Sehnsucht nach Liebe, in ihrer Suche nach geistiger Erfüllung. Wir verfolgen aber auch ihren Weg als Aktivistin für die Rechte der Schwarzen.

Gail Jones: Perdita

Die zwölfjährige Perdita lebt mit ihrer wahnsinnigen Mutter und ihrem verbitterten Vater in der australischen Wildnis heran, in einer Hütte voller Zeitungsausschnitte über den Zweiten Weltkrieg und vermodernder Bücher, in denen Schlangen hausen. Die Shakespeare-Zitate der Mutter sind die Grundlage von Perditas spärlicher Bildung. Verwildert und frei, sucht sie Liebe bei dem taubstummen Sohn der Nachbarn und in dem Aborigine-Hausmädchen Mary. Perdita scheint zufrieden mit ihrem Leben in diesem gottverlassenen Winkel der Erde – bis zu dem Tag, an dem ihr Vater erstochen aufgefunden wird. Mary bekennt sich schuldig und wird verhaftet, Perdita verliert das Gedächtnis und kann fortan nur noch flüstern und stottern. Erst als sie die wahren Umstände des Mordes zu erinnern gezwungen ist, findet sie auch ihre Sprache wieder …

Perdita ist Gail Jones´ Beitrag zur Debatte um die Entschuldigung der australischen Regierung für ihre unmenschliche Behandlung der Aborigines.

The Rabbit-Proof-Fence (Long walk home), DVD

Australien, 1931, in einem Aborigine Dorf namens Jigalong Ein heranrasendes Auto zieht eine gewaltige Staubwolke hinter sich her. Plötzlich stürmen Männer aus dem Wagen. Wenige Augenblicke später verflüchtigt sich der Staub – und drei Kinder sind verschwunden. Gewaltsam haben die Männer die 14-jährige Molly, ihre achtjährige Schwester Daisy sowie deren zehnjährige Cousine Gracie aus ihren Familien gerissen. Ganz legal, im Namen der Regierung, denn die australische Rassenpolitik duldet keine „Mischlingskinder“. Quer durch den Kontinent werden Molly, Daisy und Gracie in das fast 2.500 Kilometer entfernte Erziehungsheim Camp Moore River transportiert. Zwei Nächte halten es die Mädchen in ihrem Gefängnis aus. Dann wagen sie das Unmögliche Sie treten die nahezu endlose Flucht nach Hause an. Dabei orientieren sie sich an dem großen Zaun, der den Kontinent zerteilt, um Kaninchen vom Farmland fernzuhalten, dem Rabbit-Proof Fence…

An den/die Zettelschreiber_in

img_0001Liebe_r Zettelschreiber_in,

leider haben wir auf Grund fehlender Kontaktdaten nicht die Möglichkeit persönlich auf Ihren Zettel zu antworten, daher dieser Blogeintrag in der Hoffnung, dass Sie ihn eventuell lesen werden.

Sie haben uns am 5. März, am Abend der Femen-Veranstaltung, einen Zettel hinterlassen, den wir leider erst jetzt entdeckt haben. Darin kritisieren Sie zwei Bezeichnungen unserer Bibliothekssystematik und die darin eingeordnete Literatur.

Zur Bestandssystematik:

Sie kritisieren die Begriffe „Behinderte“ und „Indianerinnen“. Sie haben völlig Recht. Auch ich persönlich verwende die Umschreibung „Menschen mit Behinderung“ und spreche lieber von „Native Women“, „Indigene Frauen“ oder „Frauen der First Nations“. Nicht unerwähnt soll aber bleiben, dass es natürlich auch Natives gibt, die sich (in ironischer Aneignung) selbst als „Indians“ bezeichnen – um „den Weißen“ vor Augen zu führen, was für Nieten sie doch in Geografie seien.

Sie kritisieren ferner, wenn auch etwas unkonkret, die angebotene Literatur unter dem Schlagwort „Indianerinnen“. Unter diesem (nochmal: unglücklichen) Begriff sind Bücher einsortiert, die sich aus unterschiedlicher Perspektive und mit verschiedenen stilistischen Mitteln mit den Native Women beschäftigen. Ich bestreite nicht, dass sich auch Bücher darunter befinden, die ein verkitschtes und romantisierendes Bild der Native Americans zeichnen. Dazu ist zunächst grundsätzlich zu sagen, dass der Medienbestand von MONAliesA nicht erst vor zwei Wochen aufgebaut wurde, sondern seit 1990 (!) kontinuierlich wächst. Inhalt und Struktur unserer Bibliothek haben bereits eine eigene Geschichte und weisen die „Handschriften“ der zahlreichen Mitarbeiterinnen und Helferinnen der vergangenen 23 Jahre auf. Eine vorsichtige Schätzung geht mittlerweile von mehr als 20.000 Medieneinheiten aus. Die kontinuierliche Pflege eines solch großen Bestandes ist für einen Verein wie uns eine sehr aufwändige Angelegenheit. Sie können sich aber sicher sein, dass die Frage der Bestandsrevision bei MONAliesA seither mehrfach, auch kontrovers, diskutiert wurde. Schon aus Platzgründen sortieren wir ab und an auch Bände aus und vertreten dennoch die Meinung, dass es nicht Aufgabe einer Bibliothek ist, seine Leser_innen mittels Giftschranksystem zu bevormunden. Im Zweifelsfall setzen wir lieber auf persönliche Beratung und den Hinweis auf weitere Literatur. Dazu ist es freilich unabdingbar, dass wir auch offen angesprochen werden – Uns also (anonym) ein mangelndes Bewusstsein vorzuwerfen, verkennt die Hintergründe und Rahmenbedingungen einer Bibliothek wie MONAliesA vollkommen. Hätten Sie sich, liebe_r Kritiker_in, zudem einmal die Zeit genommen, den kritisierten Bestand genauer durchzusehen, dann wäre Ihnen unschwer aufgefallen, dass die große Mehrheit der angebotenen Literatur von Native Women selbst verfasst wurde. Zu nennen wären hier: Winona LaDuke, Wilma Mankiller, Beverly Hungry Wolf oder Leslie Marmon Silko. Wer diese Bücher liest, dem wird schnell klar, dass hier keine (post)kolonialen Fanasien bestätigt werden, sondern tiefe Einblicke in die Geschichte, Gegenwart und Kultur der Native Americans geboten werden.

MONAliesA hat im Blog schon mehrfach auf Themen wie „Native Women“ oder „Indigenous Feminisms“ hingewiesen, auch Literaturtipps gegeben. Wir haben auch den kopflosen Umgang mit Symbolen und Bekleidungen der amerikanischen Ureinwohner kritisiert und dazu passende Bücher  empfohlen. In unserem Veranstaltungsprogramm berücksichtigen wir quasi permanent auch Themen, die sich kritisch mit diesen und ähnlichen Zusammenhängen beschäftigen: Ich gehe nicht davon aus, dass Sie, liebe_r Kritiker_in, schon mal einen solchen Vortrag bei uns besucht haben, denn diese Themen gehören häufig leider nicht zu den besucherstärksten. Und darum noch mal: Uns mangelnde Sensibilität oder fehlendes Wissen über (post-)koloniale Zusammenhänge vorzuwerfen, ist nicht fair.

Warum ändern wir aber nicht einfach solch problematische Schlagworte wie „Indianerinnen“ oder „Behinderte“? An Willen fehlt es uns sicher nicht, schon eher an Kapazitäten: Die Frauen-/Genderbibliothek wird zur Zeit komplett ehrenamtlich betreut. Dies schließt die Einarbeitung neuer Medien, Betreuung der Ausleihe und die Bestandpflege mit ein. Jeder Eingriff in die Tektonik eines historisch gewachsenen Bestandes wie den unsrigen ist ein äußerst arbeitsaufwändiges Unterfangen: Es müssen nicht nur zahllose Karteikarten geändert, sondern auch Eintragungen im Online-Bestandskatalog sowie  Änderungen in der Gesamtsystematik vorgenommen werden. Dazu fehlen uns im Moment schlicht die personellen Ressourcen.

Zum Schluss schreiben Sie, dass Sie sich in der Bibliothek „sehr unwohl“ fühlten. Ich bedaure das sehr, zumal Ihnen so leicht hätte geholfen werden können: Wir freuen uns jederzeit über Kritik und Meinungsbekundungen an unserer Arbeit, sofern die Betroffenen sich wenigstens bemühen auch das direkte Gespräch mit uns zu suchen. Es ist äußerst schwer auf anonyme Kritik zu reagieren und es zeugt auch nicht von Fairness. Ich finde diesen Umstand mehr als schade und wünsche mir für die Zukunft, dass Besucher_innen und Nutzer_innen auf uns zu kommen, uns ihr Anliegen oder Problem direkt schildern bzw. uns einfach fragen. Nur so können Missverständnisse künftig vermieden werden. „Also, traut Euch!“