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Split Self is the ideal

Seit nun mehr als zwei Monate tobt in Deutschland eine Debatte über Prostitution. Auslöser war  der von der EMMA-Herausgeberin Alice Schwarzer initierte Appell die Prostitution zu verbieten. Begleitet wurde diese Kampagne durch die Veröffentlichung „Prostitution. Ein deutscher Skandal„.

Viel ist in Zeitungen geschrieben worden. Auch die Talkshows griffen das Thema beherzt auf und diskutierten mal mit mehr, mal mit weniger seriösen Gästen. Und da sind natürlich auch noch die feministischen Stimmen. Jüngst meldete sich das „Alphamädchen“ Meredith Haaf in der Süddeutschen zu Wort. Ganz wie vor 5 Jahren, als eine junge Generation von weißen Frauen den „neuen Feminismus“ ausriefen, steht die „Alt-Emanze“ Alice Schwarzer und der „EMMA-Feminismus“ unter Beschuss.In dem Artikel kritisiert sie die von Schwarzer gezogene Parallele zwischen Pädophilie und Prostitution. Frau Haaf wirft ihr darauhin einen „anachronistischen und frauenfeindlichen Sexualitätsbegriff“ vor, der keine „sexuelle Autonomie“ der Frau zulässt und stellt sie damit auf eine Stufe mit islamischen und christlichen Fundamentalisten. Der Vorwurf eines „altmodischen Frauenbildes in der Prostitutionsdebatte“ kulminiert in der Aussage Alice Schwarzer mache mit einer patriarchalischen Ideologie Politik. Wie bitte?

Der Gastbeitrag von Meredith Haaf zeigt mehr als deutlich, dass Kapitalismus- gepaart mit Patriarchatskritik und soziapolitische Forderungen in feministischen Debatten kaum noch vorkommen. Noch mehr schockierend ist die Annahme von Frau Haaf, dass Frauen doch in der Lage sein sollten, den Sex, den sie haben, von sich zu trennen.

Die schwedische Feministin und Journalistin Kajsa Ekis Ekman greift in ihrem jüngst erschienen Buch „Being and Being Bought: Prostitution, Surrogacy and the Split Self“ diese Argumentation auf: “ The Self must be split from the body to make it possible to sell your body without selling yourself. The body becomes sex. Sex becomes a service. The story of the sex worker says: the Split Self is not only possible, it is the ideal.“

Kajsa Ekis Ekman setzt sich in ihrem Buch sehr kritisch mit Prostitution auseinander. Sie kritisiert hierbei insbesondere die Allianz zwischen Rechten und Linken: „Auf der einen Seite sind da die neoliberalen Rechten, die an den freien Markt glauben und alles deregulieren wollen. Auf der anderen Seite steht die postmoderne Linke, die alles bejaht, was für sie nach Freiheit klingt. Nun haben wir es bei der Prostitution mit einem völlig deregulierten Markt mit Dumpinglöhnen und Mietwucher zu tun, dem die Linke das Vokabular liefert: „Unterdrückte Frauen nehmen sich die Macht, ihr Leben selbst zu definieren und weigern sich, Opfer zu sein.“ Auch die Queer-Bewegung kommt bei ihr nicht gut weg, „die Prostitution als cool und hip definiert„: „Das Problem ist: Diese Bewegung stellt zwar Normen in Frage, aber nicht die Machtverhältnisse. Die Prostituierte ist in diesem Diskurs kein menschliches Wesen, sondern ein Symbol für sexuelle Grenzüberschreitung, mit dem man sich schmücken kann wie mit einem Ohrring, den man sich anhängt.

Gewagt ist ihre Analogie zur Leihmutterschaft. Ekman behauptet, dass es sich hierbei auch um eine erweiterte Form der Prostitution handelt. Die Leihmutter muss ihr Selbst vom Körper und Kind abspalten. Nur so können sie eine Ware werden für die bezahlt wird.Sie fragt: „Why should this not be called child trafficking?

Wie überzeugend sie die These darlegt, davon kann sich die Leser_in im kommenden Jahr selbst ein Bild machen. Da wird dieses Buch bei uns ausleihbar sein.

Barbara und Meret in Berlin

Während sich das Museum für bildende Künste in Leipzig mit seiner aktuellen Ausstellung „Die Schöne und das Biest“ als Museum für sexistische Altherren-Phantasien profiliert, glänzt der Martin-Gropius-Bau mit zwei sensationellen Restrospektiven der Werke Barbara Klemms und Meret Oppenheims.

Barbara Klemm hat wie keine andere Fotografin Schlüsselereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts mit der Kamera festgehalten. Als Fotografin der Frakfurter Allgemeinen Zeitung prägte sie mit ihren Schwarz-Weiß-Aufnahmen das kollektive Gedächtnis: Williy Brandt 1973 im Gespräch mit Leonid Breschnew, die Nelkenrevolution 1974 in Portugal oder der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung. Aber auch  Alltagsszenen und Straßensituationen aus allen Erdteilen, einfühlsame Portraits von Künstlern, Schriftstellern, Musikern findet sich in der Ausstellung, die ca. 300 Exponate umfasst.

Unmittelbar gegenüber befindet sich die große Werkschau Meret Oppenheims, die am 6. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre. Meret Oppenheim wird zu Recht als wichtigste Künstlerin des Surrealismus und feministische Identifikationsfigur gefeiert. Jedoch ließ sie sich nie auf eine Kunstrichtung festlegen und bewahrte sich stehts ihre Unabhängigkeit. Die daraus resultierende Vielgestaltigkeit ihres Gesamtoeuvres ist bis dato nicht nur unerreicht, sondern auch heute noch wegweisend.

Der Besuch dieser beiden famosen Ausstellungen sei allen ans Herz gelegt. Wer den Weg nach Berlin nicht schafft, kann sich gerne auch bei uns die beiden Begleitpublikationen ausleihen:

Barbara Klemm: Fotografien 1968 – 2013

Meret Oppenheim: Retrospektive

Und als kleines Zusatzschmankerl haben wir nun auch den Riesenband „Kunst und Feminismus“ neu im Bestand. Dieser enthält eine fundierte und vielschichtige Zusammenschau der feministischen Kunst seit den 1960er Jahren. Neben der theoretischen Einbettung sind auch zahlreiche Werke feministischer Künstlerinnen abgebildet. Großer Pluspunkt dieser Publikation ist Berücksichtigung der Werke Schwarzer Frauen. Leider fehlen die Indigenas völlig – ihre Kunst wird dann wohl immer noch eher in den Museen für Völkerkunde verortet.

Prostitution – ein deutscher Skandal

Seit letzter Woche schlagen die Wellen mal wieder hoch. Die Zeitschrift EMMA hat einen Appell gegen Prostitution lanciert. Auf dem Cover sind einige der insgesamt 90  prominenten Erstunterzeichner_innen, die die Abschaffung der Prostitution und die Änderung des Zuhälter-Gesetzes fordern. Bislang haben ca. 2.800 Menschen diesen Appell unterzeichnet, Tendenz steigend.

Die Gegenreaktionen ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Sofort hagelte es – mal mehr, mal weniger sachlich und fundiert – Kritik. Diese reicht von „Polizeifeministin“ bis hin zu Rassismus. Letzteres ist wohl auf dem von Alice Schwarzer verwendeten Begriff white slavery zurückzuführen.

Die Debatte weiter anfachen wird das neue  von Alice Schwarzer herausgegebene Buch „Prostitution – Ein deutscher Skandal.“, das diese Woche veröffentlicht wird. Unter den insgesamt vier Themenblöcken „Die Folgen der Reform – und der Widerstand“, „Prostitutierte reden“, „Reicher Sextourist – arme Prostitutierte“ und „Blick Zurück – und Blick in die Gegenwart“ sind zahlreiche Beiträge versammelt, die zum Teil bereits in der EMMA veröffentlicht wurden. Anhand dieser Beiträge hat die Leser_in die Möglichkeit, die nun mittlerweile 30 Jahre andauernde Berichterstattung von EMMA kritisch nachzuvollziehen. Als besonders eindrücklich erweisen sich die Gespäche mit den Prostutierten, die EMMA-Redakteurinnen in den letzten Jahrzehnten immer wieder geführt haben. Neben prominente „Alt-Huren“ wie Domenica kommen vor allem die Frauen zu Wort, die nicht so recht in das Glamourbild der freien selbstbestimmten in Sauß und Braus lebenden Sexarbeiterin passen. Dabei muss man nicht wie Bettina Flittner und Cornelia Filter bis in das deutsch-tschechische Grenzgebiet fahren, um die unmenschlichen Außmaße des internationalen Frauenhandels und der sexuellen Ausbeutung erfahren. Auch hierzulande hat sich die Situation seit 2002 massiv verändert. „Seit der Reform des Prostitutionsgesetzes sind nicht nur die Anzeigen enthemmter geworden, sondern auch die Freier brutaler… Das Gesetz hat nichts gebracht. Zumindest nichts für uns Prostitutierte, so die Domina Ellen Templin. Aber wem nutzt nun dieses Gesetz? Diese und andere Fragen werden in der erhellenden Reportage über die „Pro-Prostitutionsfront gestellt. Am Beispiel der „Hurenprojekte“ Hydra und Dona Carmen fragt die Autor_in, wer eigentlich hinter der „Prostituiertenlobby“ steckt, wer sie finanziert und wem sie vor allem nützen.

Aufschlussreich ist auch der Beitrag aus dem Jahr 1979. Die Autorinnen Rosemarie Giesen und Gunda Schumann geben darin einen ersten Überblick über die Haltung der neuen Feministinnen zur Prostitution. Während in den USA und Frankreich Prostituierte damit beginnen sich zu organisieren und politische Forderungen zu stellen (sei es Legalisierung oder Verbot der Zuhälterei), bleibt es in Westdeutschland relativ still.

Ob das Buch dazu beiträgt die verhärteten Fronten in der Prostitutionsdebatte zu lockern, bleibt fraglich. Vielleicht gelingt es am 14. November, denn an diesem Tag findet um 20 Uhr im Urania/Berlin in Anwesenheit von Alice Schwarzer eine Podiumsdiskussion statt.

Aber eines steht nach der Lektüre des Buches jetzt schon fest: Deutschland ist zum Paradies der Frauenhändler geworden. Un darüber muss nicht nur geredet, sondern es muss vor allem gehandelt werden!

i.d.a. kommt zu Besuch!

Vom 18.10 bis zum 20.10.2013 sind wir Gastgeberin des 30. Treffens des i.d.a. Dachverbandes deutschsprachiger Frauen-/Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationstellen.

Wir erwarten Gäste aus Luxemburg, Schweiz, Österreich und Südtirol! Eröffnet wird das Jubiläumstreffen am 18.10. um 14 Uhr in Haus Steinstraße mit einem Vortrag zum Thema „Teaching Gender in Libraries and Archives: The Power of Information“. Sara de Jong und Sanne Koevoets sprechen über die historischen Zusammenhänge zwischen Frauenarchiven und -bibliotheken und der Frauen-/Genderforschung. Zugleich wird auch der Blick auf die Gegenwart gerichtet und gefragt, vor welchen Herausforderungen Frauen-/Lesbenarchive und -bibliotheken mit Blick auf die Digitalisierung feministischen Aktivismen stehen.

Der Dachverband deutschsprachiger Frauen/ Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen, schließt seit 1994 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Er dient der Vernetzung, dem regelmäßigen fachlichen und persönlichen Austausch, der Weiterqualifikation sowie gemeinsamer überregionaler Öffentlichkeitsarbeit. Insbesondere bemüht sich der Dachverband darum, politische und finanzielle Unterstützung für die finanziell nicht abgesicherten Frauenbibliotheken und -archive zu organisieren.

Buchtipps für den Herbst

Für die kalten und regnerischen Herbsttage empfehlen wir unseren Leser_innen folgende frisch eingetroffene Bücher:

Jennifer Teege: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverständnis erschüttert: Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch über ihre Mutter und ihren Großvater Amon Göth. Millionen Menschen kennen Göths Geschichte. In Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. Göth war verantwortlich für den Tod tausender Menschen und wurde 1946 gehängt.

Dieses Buch ist zurecht von den Feuilletons gelobt worden. Jennifer Teege gelingt es auf beeindruckender Art und Weise die Leser_innen auf ihre Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. Teegers Schilderungen über ihre schonungslose Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familiengeschichte wird von Zeitzeug_inneberichten und historischen Fakten über Amon Göth angereichert. Dadurch gewinnt das Buch nicht nur an Intensität, sondern macht auch deutlich, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der dritten bzw. gar vierten Generation noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Janet Frame: Auf dem Maniototo

Janet Frame zählt zu den bekanntesten Autorinnen Neuseelands. Zur literarischen Berühmtheit schaffte sie es mit ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Der Engel an meiner Tafel“, der 1990 von Jane Campion fulminant verfilmt wurde.

Nun hat der C.H.Beck-Verlag den bereits 1987 erschienen Roman „Auf dem Maniototo“ auf deutsch veröffentlicht: In ihrem vielleicht schönsten Roman erzählt Janet Frame von einer Frau, die, nachdem sie ihren Ehemann verloren hat, beschließt Schriftstellerin zu werden. Sie absolviert einen Kurs, geht auf Reisen, verliebt sich, heiratet erneut – und wird wieder Witwe. Auf Einladung von Freunden verbringt sie, die Neuseeländerin, den Sommer in Berkeley, Kalifornien, und erbt unversehens das Haus ihrer Freunde, die bei einem Erdbeben in Italien ums Leben kommen. Doch am Ende des Sommers tauchen sie quicklebendig wieder auf. Was ist Realität, was Fiktion, wie glaubwürdig ist die Erzählerin, die sich uns unter verschiedenen Namen vorstellt? Amüsant und detailreich, haarsträubend und bunt, in einer grandiosen Sprache erzählt dieser Roman lauter Geschichten und handelt dabei zugleich vom Schreiben und Erzählen selbst.

Swetlana Alexejewitsch: Second Hand Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Bereits mit ihren Büchern „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ und „Tschernobyl. Chronik einer Zukunft“ hat sich Swetlana Alexejewitsch als großartige Zuhörererin und Erzählerin bewiesen. Mit ihrem neuen Buch „SecondHand Zeit“ beweist sie sich einmal mehr als Meisterin  der Zeitgeschichte. Darin widmet sie sich den Verlierer_innen des russischen Wandels, den Menschen, die von Mühlen der Politik und Ökonomie zermalmt werden. Swetlana Alexejewitsch hört denen zu, die nicht mehr gehört werden – nicht mal von ihren eigenen Kindern und Enkelkindern. Die Autorin selbst nimmt sich zurück, will sie doch „ein nüchterner Historiker ohne Fakel“ sein. Um so mehr strahlen die Berichte von Dissident_innen, Student_innen, ehemaligen GULag-Häftlingen, Verlierer_innen und Gewinner_innen des Turbo-Kapitalismus der 1990er Jahre. Zusammen ergeben sie ein atemberaubendes und kaum eträgliches Panorama an Menschen, die vor allem eins zu einen scheint: die Last in der Sowjetunion geboren zu sein.

Gegen das Schweigen – Audre Lorde

Die Frauenbewegungsforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten recht ausdifferenziert und durch zahlreiche Publikationen interessante Ergebnisse zu Tage gebracht. Jedoch fällt auf, dass angesichts der Fülle an Literatur bislang ein Teil der Bewegungsgeschichte ausgeblendet wurde: die Afro-Deutsche Frauenbewegung in Deutschland.

Zum 20. Todestag von Audre Lorde hat Peggy Piesche unter dem Titel „Euer Schweigen schützt euch nicht“ eine großartige Anthologie von bereits erschienen und übersetzten Texzten von Audre Lorde veröffentlicht.  Ergänzt werden diese durch Texte und gedichte von Wegbegleiterinnen und Schwarzen Frauen der Nachfolgegenerationen aus Deutschland, die sich mit ihrem Erbe und den aktuellen Kämpfen auseinandersetzen.

Am 25.09.2013 um 20 Uhr wird Peggy Piesche persönlich das Buch im Conne Island vorstellen. Wir werden neben einem Büchertisch mit themenrelevanter Literatur auch eine Sonderaktion durchführen: An diesem Abend können Interessierte eine MONAliesA-Jahreslesekarte für 10€ erwerben. Ihr spart also 50%!

Wer nicht abwarten kann, hat die Möglichkeit das Buch von Peggy Piesche sich bei uns auszuleihen. Und auch sonst sei dazu folgende Literatur aus unserem Bestand empfohlen:

Audre Lorde: Zami

Audre Lorde / Adrienne Rich: Macht und Sinnlichkeit

May Ayim: Grenzelos und unverschämt

Katharina Oguntoye u. a. : Farbe bekennen. Afro-Deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte

Gabriele Dietze: Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderpolitiken

Anja Meulenbelt: Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus

Gloria I. Joseph: Schwarzer Feminismus. Theorie und Politik afro-amerikanischer Frauen

bell hooks: Black Looks

Anette Diedrich: Weiße Weiblichkeiten. Konstruktionmen von „Rasse“ und Geschlecht im deutschen Kolonialismus

Und viel viel viel mehr….

 

 

The Industrial Vagina

Nachdem Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm im Tatort „Wegwerfmädchen“ gegen Zwangsprostitution ermittelt hat, ist nun am 15.09. um 20.15 Uhrauf ARD das Wiener Team Bibi Fellner und Moritz Eisner dran. In der Folge „Angezählt“ servieren sie zur besten Sendezeit den Zuschauer_innen harte Kost: Von ca. 6.000 Prostituierten arbeiten in Wien gerade mal 1.500 legal. An Stelle die viel beschworene „selbstbestimmte Sexarbeiterin“ zu präsentieren, zeigen sie den harten Alltag in einem harten globalisierten frauenverachtenden Männer-Business.

Und am Montag wird wieder in diversen vermeintlich linken, antikapitalistischen und feministischen Zeitungen und Blogs Folgendes zu lesen sein: „Nein, das ist doch alles gar nicht so schlimm. Hier wird wieder pauschalisiert und überhaupt machen die meisten das doch freiwillig.“ Dieser Ton ist in Zeiten, wo gerne von Intersektionalität die Rede ist, ziemlich erstaunlich. Denn genau bei diesem Thema wird in den Diskussionen und Zeitungsbeiträgen die Verbindung von Race, Class und Gender ausgeblendet. Wieso eigentlich? Vielleicht weil dann das Bild von der „selbstbestimmten Sexarbeiterin“ (die es durchaus gibt, aber sie ist nun mal leider eine Ausnahme) zerstört wird? Und weil mensch sich dann vielleicht auch mit der Komplizenschaft, den so ein pseudo-emanzipatorischer und kapitalistisch-neoliberaler Diskurs nun mal leistet, auseinandersetzen muss?

Übrigens stammt die Blog-Überschrift von dem gleichnamigen Buch von Sheila Jeffrey. Darin untersucht sie den Aufstieg der Sex-Branche zu einem globalen Industriezweig bestehend aus Puffs, BrideOrder, Pornos und Strip-Clubs. Jeffrey: „The important  is the new economic ideology and practice of these times, neo-liberalism, in which the tolerance of ´sexual freedom´ has been merged with a free market ideology to reconstruct prostitution as legitimate ´work´ which can form the basis of national and international sex-industries.“ Ihre These: Dieser global wachsende und milliardenschwere Wirtschaftssektor muss als die kommerzalisierte Unterdrückung der Frauen verstanden werden, an der nicht nur Zuhälter_innen und Wirtschaftsunternehmen verdienen, sondern auch staatliche Regierungen. Zum Beispiel Deutschland.

 

Unser kurzes Leben

Heute endet (leider) unsere Autorinnenreihe „Mein Antrieb wäre, Welt zu machen“. Den Abschluss krönt der selten aufgeführte DEFA-Film „Unser kurzes Leben“, eine Verfilmung des Romans „Franziska Linkerhand“ von Brigitte Reimann. Dieser Film läuft heute um 18 Uhr in der Kinobar Prager Frühling.

Die junge Architektin Franziska trennt sich von ihrem Mann und scheidet freiwillig aus dem Mitarbeiterstab eines berühmten Dresdner Professors aus, um in einem Kleinstadtbüro zu arbeiten. Hart in ihren Anforderungen an sich selbst und voller Ideale möchte sie eine Stadt bauen, in der sich die Menschen wohlfühlen. Doch Franziska spürt bald, wie sehr sich ihre Vorstellungen und Wünsche vom tatsächlichen, oft bürokratischen Arbeitsalltag unterscheiden. Ihre Kollegen überzeugt sie von einem Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Stadtzentrums. Als Franziskas Entwurf überzeugen kann und sie den Wettbewerb gewinnt, geschieht für sie Unerwartetes: Die Umsetzung des Projekts wird auf unbestimmte Zeit verschoben…

Brigitte Reimann

Unsere Autorinnenreihe neigt sich (leider) dem Ende zu. Der September steht ganz im Zeichen der Autorin Brigitte Reimann.

Bereits mit 14 Jahren beschließt Brigitte Reimann Schriftstellerin zu werden. Ihr erstes Stück, ein Laienspiel für die Schulweihnachtsfeier, wurde 1948 uraufgeführt. Als sie 1951 das Abitur macht, waren bereits einige ihrer Erzählungen veröffentlicht und Reimann hatte erste Preise erhalten. Sie beginnt ein Studium der Theaterwissenschaften, welches sie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. Ihr Geld verdient sie sich dann zunächst als Lehrerin. In der Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren kommt sie in Kontakt mit weiteren AutorInnen und widmet sich ab 1953 ganz der Schriftstellerei…

Am 06.09. um 19 Uhr besteht die Möglichkeit mehr über das Leben und Werk der bedeutenden DDR-Autorin zu erfahren. In Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen referieren und lesen Angela Potowski, Martin und Helene Schmidt unter dem Titel „Brigitte Reimann – zwischen Euphorie und Resignation“ aus den Werken Reimanns.

Zum Abschluss zeigen wir am 11.09. um 18 Uhr zusammen mit der Kinobar Prager Frühling den Film „Unser kurzes Leben“ – eine selten gezeigte Defa-Verfilmung des Romans „Franziska Linkerhand“.

Sommerpause und Ausblick

In der kommenden Woche startet die Frauen- und Genderbibliothek in die wohlverdiente Sommerpause! Der Ausleihbetrieb ist daher vom 29. Juli bis 31. August geschlossen.
Das Büro ist ebenfalls eingeschränkt besetzt: Vom 06.08. bis 31.08. am Dienstag und Donnerstag jeweils von 9 bis 14 Uhr.

Ab September starten wir wieder durch und es erwarten Euch u. a. diese Neuerwerbungen:

Rigoberta Menchu: Enkelin der Maya und Klage der Erde

In diesen beiden Büchern erzählt die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu über den Kampf der Maya gegen Genozid und politische Verfolgung der indigenen Bevölkerung in Guatemala. Die berühmteste Frau Guatemalas erzählt ausführlich über ihre Kindheit in dem kleinen Dorf Chimel, über ihre Familie, die Zeit der furchtbaren Repression, über ihren Bezug zur Erde und zur Natur, ihre Bemühungen in den Korridoren der UN-Menschenrechtskommission in Genf und New York, die Verleihung des Nobelpreises …

 

 

 

Peggy Piesche (Hg.): Euer Schweigen schützt euch nicht

Der vorliegende Band ist eine Sammlung von bereits erschienenen und bisher unveröffentlichten Texten Audre Lordes. Ergänzt werden diese durch Texte von Frauen, die gemeinsam mit der Autorin den Weg einer deutschen Schwarzen Frauenbewegung gingen und von Schwarzen Frauen der Nachfolgegenerationen aus Deutschland, die sich mit ihrem Erbe und den aktuellen Kämpfen auseinander setzen.

 

 

Gabriele Dietze: Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderkritiken

Die Studie konfrontiert zwei zentrale Emanzipationsanstrengungen der Moderne miteinander: unmarkierte ›weiße‹ US-amerikanische Frauenbewegungen und den Kampf um Bürgerrechte von people of color. Es geht dabei um implizite Sozio- und Psycho-Logiken, die Feminität mit whiteness gleichsetzen und race-Emanzipation mit Maskulinität. Die Studie untersucht kontraproduktive Race-Gender-Konkurrenzen, z.B. einen ›Rape-Lynching-Komplex‹, der schwarze Männer und weiße Frauen in ein Gewaltverhältnis imaginiert, Sexualpolitik im Second Wave Feminism und den Prozess um O.J. Simpson. Erkenntnisinteresse ist die Verfugung von Sexismus und Rassismus und seine soziokulturellen Repräsentationsformen.

 

Beate Binder u. a. (Hg.): Eingreifen, kritisieren, Verändern. Interventionen ethnographisch und geschlechtertheoretisch

Unter dem Stichwort „Interventionen“ versammelt dieser Band unterschiedliche Perspektiven auf ethnographische und geschlechterkritische Wissensproduktion, die kritisierend und verändernd in politische Konfliktfelder eingreifen will und auf vielfältige Formen der Kollaboration mit sozialen Bewegungen und gesellschaftlichen AkteurInnen setzt. Die Beiträge loten das Dazwischensein aus – zwischen ForscherInnen und Beforschten, zwischen Wissenschaft, Kunst und Aktivismus.

 

Linda Tuhiwai Smith: Decolonizing Methodologies. Research and indigenous peoples

Ein Klassiker! In diesem Grundlagenwerk beschreibt sie wie westliche Wissenschaften immer noch kolonialistisch arbeiten und wie wissenschaftliche Methoden dekolonialisiert werden können, damit indigene Menschen wieder zu Subjekten werden können. Weiterhin hinterfragt Linda Tuhiwai Smith die Verbindungen zwischen Imperialismus und Forschung und Konzepte wie „Entdeckung“ und „Claiming“, die dazu beigetragen haben, wie sich der Westen indigene Welten in das eigene Netz integriert und dadurch diese entfremdet hat. Ein großartiges Buch! Lesen!

 

 

Hit so hard. The life and near death of Patty Schemel (DVD)

Patty Schemel war ab 1992 die Drummerin der Band Hole. In dem Doku-Film „Hit so Hard“  erzählt sie über ihre Zeit in der Band und über ihre massiven Drogenprobleme. Neben Interviews mit Courtey Love, Eric Erlandson und Melissa Auf Der Maur sind bislang noch nie gezeigte Filmaufnahmen zu sehen, die Patty Schemel während ihrer Zeit mit Hole gedreht hat. Patty Schemel, eine Frau über die eine Dokumentation auf alle Fälle lohnt.