Archiv fĂŒr den Monat: November 2013

Barbara und Meret in Berlin

WĂ€hrend sich das Museum fĂŒr bildende KĂŒnste in Leipzig mit seiner aktuellen Ausstellung „Die Schöne und das Biest“ als Museum fĂŒr sexistische Altherren-Phantasien profiliert, glĂ€nzt der Martin-Gropius-Bau mit zwei sensationellen Restrospektiven der Werke Barbara Klemms und Meret Oppenheims.

Barbara Klemm hat wie keine andere Fotografin SchlĂŒsselereignisse des 20. und 21. Jahrhunderts mit der Kamera festgehalten. Als Fotografin der Frakfurter Allgemeinen Zeitung prĂ€gte sie mit ihren Schwarz-Weiß-Aufnahmen das kollektive GedĂ€chtnis: Williy Brandt 1973 im GesprĂ€ch mit Leonid Breschnew, die Nelkenrevolution 1974 in Portugal oder der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung. Aber auch  Alltagsszenen und Straßensituationen aus allen Erdteilen, einfĂŒhlsame Portraits von KĂŒnstlern, Schriftstellern, Musikern findet sich in der Ausstellung, die ca. 300 Exponate umfasst.

Unmittelbar gegenĂŒber befindet sich die große Werkschau Meret Oppenheims, die am 6. Oktober 100 Jahre alt geworden wĂ€re. Meret Oppenheim wird zu Recht als wichtigste KĂŒnstlerin des Surrealismus und feministische Identifikationsfigur gefeiert. Jedoch ließ sie sich nie auf eine Kunstrichtung festlegen und bewahrte sich stehts ihre UnabhĂ€ngigkeit. Die daraus resultierende Vielgestaltigkeit ihres Gesamtoeuvres ist bis dato nicht nur unerreicht, sondern auch heute noch wegweisend.

Der Besuch dieser beiden famosen Ausstellungen sei allen ans Herz gelegt. Wer den Weg nach Berlin nicht schafft, kann sich gerne auch bei uns die beiden Begleitpublikationen ausleihen:

Barbara Klemm: Fotografien 1968 – 2013

Meret Oppenheim: Retrospektive

Und als kleines Zusatzschmankerl haben wir nun auch den Riesenband „Kunst und Feminismus“ neu im Bestand. Dieser enthĂ€lt eine fundierte und vielschichtige Zusammenschau der feministischen Kunst seit den 1960er Jahren. Neben der theoretischen Einbettung sind auch zahlreiche Werke feministischer KĂŒnstlerinnen abgebildet. Großer Pluspunkt dieser Publikation ist BerĂŒcksichtigung der Werke Schwarzer Frauen. Leider fehlen die Indigenas völlig – ihre Kunst wird dann wohl immer noch eher in den Museen fĂŒr Völkerkunde verortet.

Monika Hauser zu Gast bei MONAliesA

“Nicht aufhören anzufangen.” – 20 Jahre medica mondiale

Am Montag, den 25. November 2013 lĂ€dt MONAliesA zu einem Vortrag mit Dr. Monika Hauser, GrĂŒnderin und Vorsitzende von medica mondiale und TrĂ€gerin des Alternativen Friedensnobelpreises ein.

Monika Hauser mit Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan in Kabul. 2012 © Elissa Bogos/medica mondiale
Monika Hauser mit Mitarbeiterinnen von Medica Afghanistan in Kabul. 2012 © Elissa Bogos/medica mondiale

Berichte aus Kriegs- und Krisengebieten sprechen hĂ€ufig nur sehr allgemein von “Betroffenen”, “Opfern”, “Zivilisten” und neuerdings auch wieder von “Gefallenen”. Diese medialen Sprechblasen prĂ€gen die kollektive Wahrnehmung bewaffneter Konflikte auf eine fatale Weise, indem sie Gewalt und Unrecht zu schwammigen Statistiken reduzieren. Vor allem jedoch verschleiern sie die Tatsache, dass jeder Krieg aufs Neue eine klar zu definierende Opfergruppe reproduziert: die Frauen.

Eine Organisation, die sich gegen die weit verbreitete Ignoranz sowie die VerklĂ€rung kriegsbedingten Leids engagiert, feiert in diesem Jahr ihr zwanzigjĂ€hriges Bestehen: medica mondiale. Als zu Beginn der 1990er Jahre in Bosnien Krieg herrschte, drangen Berichte ĂŒber systematische Massenvergewaltigungen an die Öffentlichkeit, mit denen sich jedoch außerhalb entsprechend engagierter Kreise kaum jemand ernsthaft auseinandersetzte. Die Kölner FrauenĂ€rztin Dr. Monika Hauser reiste daraufhin in das Kriegsgebiet, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und erste Hilfe zu organisieren. Das bosnische Zenica war eine jener zahlreichen von KriegsflĂŒchtlingen ĂŒberfĂŒllten StĂ€dte, die Monika Hauser erreichte. Jede zweite Frau war hier vergewaltigt worden. Mit Hilfe befreundeter Ärztinnen, Psychologinnen, Psychiaterinnen, Krankenschwestern und weiterer Frauen aus dem In- und Ausland grĂŒndete sie hier im April 1993 die erste Anlaufstelle fĂŒr vergewaltigte Frauen und MĂ€dchen. Weitere Zentren in ganz Bosnien folgten. Allein im ersten Jahr wurden in Zenica mehr als 4000 Frauen ambulant versorgt und 150 Frauen und Kinder dauerhaft aufgenommen.

Seit zwanzig Jahren engagieren sich Hauser und ihre Mitarbeiterinnen und Helferinnen bei medica mondiale fĂŒr die Opfer kriegsbedingter, sexueller Gewalt. Inzwischen betreibt die gemeinnĂŒtzige Organisation auch Hilfszentren im Kosovo, in Albanien, Liberia und Afghanistan und kooperiert mit eine ganzen Reihe Partnerorganisationen in vielen weiteren LĂ€ndern der Welt. Ihr spezifischer Ansatz ist ein ganzheitlicher: Traumatisierte Frauen und Kinder werden nicht nur medizinisch versorgt sondern erhalten auch eine umfassende psychosoziale Betreuung.

Dr. Monika Hauser wird am kommenden Montag, den 25. November 2013 bei uns zu Gast sein und ĂŒber Geschichte, Gegenwart und Zukunft von medica mondiale sprechen.

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses zu Leipzig. Der Eintritt ist frei, wir bitten alle BesucherInnen jedoch freundlich um Spenden fĂŒr medica mondiale.

Zugleich weisen wir auch auf unsere Fotoausstellung „Starke Stimmen – Frauen in Afghanistan“ hin, die noch bis zum 2. Dezember 2013 ebenfalls in der Unteren Wandelhalle des Neuen Rathauses zu sehen ist.

http://www.medicamondiale.org

Prostitution – ein deutscher Skandal

Seit letzter Woche schlagen die Wellen mal wieder hoch. Die Zeitschrift EMMA hat einen Appell gegen Prostitution lanciert. Auf dem Cover sind einige der insgesamt 90  prominenten Erstunterzeichner_innen, die die Abschaffung der Prostitution und die Änderung des ZuhĂ€lter-Gesetzes fordern. Bislang haben ca. 2.800 Menschen diesen Appell unterzeichnet, Tendenz steigend.

Die Gegenreaktionen ließen natĂŒrlich nicht lange auf sich warten. Sofort hagelte es – mal mehr, mal weniger sachlich und fundiert – Kritik. Diese reicht von „Polizeifeministin“ bis hin zu Rassismus. Letzteres ist wohl auf dem von Alice Schwarzer verwendeten Begriff white slavery zurĂŒckzufĂŒhren.

Die Debatte weiter anfachen wird das neue  von Alice Schwarzer herausgegebene Buch „Prostitution – Ein deutscher Skandal.“, das diese Woche veröffentlicht wird. Unter den insgesamt vier Themenblöcken „Die Folgen der Reform – und der Widerstand“, „Prostitutierte reden“, „Reicher Sextourist – arme Prostitutierte“ und „Blick ZurĂŒck – und Blick in die Gegenwart“ sind zahlreiche BeitrĂ€ge versammelt, die zum Teil bereits in der EMMA veröffentlicht wurden. Anhand dieser BeitrĂ€ge hat die Leser_in die Möglichkeit, die nun mittlerweile 30 Jahre andauernde Berichterstattung von EMMA kritisch nachzuvollziehen. Als besonders eindrĂŒcklich erweisen sich die GespĂ€che mit den Prostutierten, die EMMA-Redakteurinnen in den letzten Jahrzehnten immer wieder gefĂŒhrt haben. Neben prominente „Alt-Huren“ wie Domenica kommen vor allem die Frauen zu Wort, die nicht so recht in das Glamourbild der freien selbstbestimmten in Sauß und Braus lebenden Sexarbeiterin passen. Dabei muss man nicht wie Bettina Flittner und Cornelia Filter bis in das deutsch-tschechische Grenzgebiet fahren, um die unmenschlichen Außmaße des internationalen Frauenhandels und der sexuellen Ausbeutung erfahren. Auch hierzulande hat sich die Situation seit 2002 massiv verĂ€ndert. „Seit der Reform des Prostitutionsgesetzes sind nicht nur die Anzeigen enthemmter geworden, sondern auch die Freier brutaler… Das Gesetz hat nichts gebracht. Zumindest nichts fĂŒr uns Prostitutierte, so die Domina Ellen Templin. Aber wem nutzt nun dieses Gesetz? Diese und andere Fragen werden in der erhellenden Reportage ĂŒber die „Pro-Prostitutionsfront gestellt. Am Beispiel der „Hurenprojekte“ Hydra und Dona Carmen fragt die Autor_in, wer eigentlich hinter der „Prostituiertenlobby“ steckt, wer sie finanziert und wem sie vor allem nĂŒtzen.

Aufschlussreich ist auch der Beitrag aus dem Jahr 1979. Die Autorinnen Rosemarie Giesen und Gunda Schumann geben darin einen ersten Überblick ĂŒber die Haltung der neuen Feministinnen zur Prostitution. WĂ€hrend in den USA und Frankreich Prostituierte damit beginnen sich zu organisieren und politische Forderungen zu stellen (sei es Legalisierung oder Verbot der ZuhĂ€lterei), bleibt es in Westdeutschland relativ still.

Ob das Buch dazu beitrÀgt die verhÀrteten Fronten in der Prostitutionsdebatte zu lockern, bleibt fraglich. Vielleicht gelingt es am 14. November, denn an diesem Tag findet um 20 Uhr im Urania/Berlin in Anwesenheit von Alice Schwarzer eine Podiumsdiskussion statt.

Aber eines steht nach der LektĂŒre des Buches jetzt schon fest: Deutschland ist zum Paradies der FrauenhĂ€ndler geworden. Un darĂŒber muss nicht nur geredet, sondern es muss vor allem gehandelt werden!