Archiv f√ľr den Monat: Oktober 2013

Antifeministisches Streichkonzert

Feminist solidarity now!

Letztes Wochenende trafen sich in Leipzig die unter dem i.d.a-Dachverband organisierten deutschsprachigen Frauen-/Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen. Dieses jährlich stattfindende Treffen dient nicht nur dem fachlichen Austausch und der Vernetzung. Das Treffen zeigt vor allem auch die Vielfalt und das unermesslich reiche Erbe der Frauenbewegungen im deutschsprachigen Raum. Und genau dieser Reichtum, diese Vielfalt drohen nun verloren zu gehen Рund daran haben auch (leider) Frauen ihren Anteil!

Archiv Frau und Musik

In Frankfurt/Main sitzt ein weltweit einzigartiges Archiv: das Archiv Frau und Musik. Es beherbergt ca. 20.000 Medieneinheiten und stellt damit das umfangreichste internationale Komponistinnen-Archiv dar. Neben Kompositionen und sonstigen k√ľnstlerischen Nachl√§ssen musikschaffender Frauen werden Sekund√§rliteratur, Hochschulschriften, Pressever√∂ffentlichungen sowie graue Literatur, wie zum Beispiel Konzertprogramme, gesammelt.

Diese Schatzkammer, deren √§ltesten Quellenbest√§nde bis in das 9. Jahrhundert (!) zur√ľckreichen, ist akut von der Schlie√üung bedroht! Die Bankenstadt Frankfurt/Main hat f√ľr 2014 alle bisherigen F√∂rdermittel f√ľr das Archiv gestrichen. W√§hrend das Land Hessen bereit ist das Archiv weiter finanziell zu f√∂rdern, bleibt Frankfurt/Main hart. Falls keine Einigung erzielt wird, droht die Schlie√üung!!

Die Frauen vom Archiv Frau und Musik ben√∂tigen dringend Unterst√ľtzung! Hier geht es zur Online-Petition.

FrauenMediaTurm

Bereits im Fr√ľhjahr 2013 schlugen die medialen Wellen hoch: Die frisch gew√§hlte weibliche Doppelspitze von Nordrhein-Westfalen (Rot-Gr√ľn wohlgemerkt) k√ľrzte r√ľckwirkend (!) die F√∂rdermittel f√ľr den FrauenMediaTurm (FMT) um satte 140.000 ‚ā¨. Die an Zynismus kaum zu √ľberbietende Begr√ľndung lautete damals: ‚ÄěMit der F√∂rderentscheidung der damaligen Landesregierung (unter R√ľttgers) wurde davon ausgegangen, dass sich auch der Bund mit einem gleich hohen Betrag an der F√∂rderung des FMT beteiligt. (…) Damals wurde von einer jeweils h√§lftigen Finanzierung zwischen Bund und Land ausgegangen. (…) Ich hoffe, dass es Ihnen gelingen wird, die immer intendierte komplement√§re Finanzierung Ihres FrauenMediaTurms mit Hilfe von Bund, Land und Drittmitteln erfolgreich zu gew√§hrleisten.‚Äú Liebe Frau Kraft: Wie sollen denn bitte Drittmittel langfristig eingeworben werden, wenn die Einrichtung um ihre Existenz k√§mpft und nicht mal die Stromrechnung bezahlen kann? F√ľr Drittmittelakquise braucht es Personal und Zeit – beides sind Ressourcen, die in Frauen-/Lesbenarchive und -bibliotheken kaum noch anzutreffen sind.

Und nun streicht die Landesregierung unter der Federf√ľhrung von Hannelore Kraft die letzten F√∂rdermittel in H√∂he von 70.000 ‚ā¨. W√ľrde der Bund den FMT nicht mit 150.000 ‚ā¨ f√∂rdern und der Vorstand mit enormen Einsatz Drittmittel einwerben – der FrauenMediaTurm m√ľsste seine Pforten schlie√üen. Die Verhandlungen mit dem Bund laufen – Ausgang ungewiss.

Und wir, MONAliesA?

Auch unsere finanzielle Sitaution ist prek√§r und √§u√üerst unsicher. J√§hrlich m√ľssen neue F√∂rderantr√§ge eingereicht werden, hinzu kommen mehrere Projektantr√§ge f√ľr Drittmittel. W√§hrend wir f√ľr die Frauen-/Gendbibliothek vorsichtig hoffen, bangen wir derzeit um unsere feministische M√§dchenarbeit.

Derzeit plant die Sadt Leipzig im Bereich der freien Tr√§gern eine Mittelk√ľrzung um 50%!! Anders ausgedr√ľckt: Bis zu 10 Einrichtungen droht die Schlie√üung! Wen es betreffen wird, wei√ü im Moment niemand. Nur eines scheint klar zu sein: Kinder- und Jugendarbeit scheint in dieser Stadt keine Priorit√§t zu haben.

Es ist vielen Trägern schon in den letzten Jahren nur durch Leistungsreduzierungen möglich gewesen, tarifliche Steigerungen im Personalbereich und Mehrbelastungen aufgrund höherer Betriebskosten abzufedern. Unsere Mitarbeiterinnen in der Mädchenarbeit sind hochqualifizierte Sozialpädagoginnen, die mit ihren 20 bis 26 Stundenwochen und viel Engagement in Form von (unbezahlten) Überstunden die große Nachfrage nach feministischer Jugendarbeit mit Mädchen in Leipzig abdecken können.

Ob und in welchem Umfang die M√§dchenarbeit gestrichen wird, k√∂nnen wir im Moment nicht sagen. Dennoch sind Solidarit√§t und Protest gefragt, denn der drohende Kahlschlag in der Kinder- und Jugendhilfe ist nicht hinnehmbar! Weitere Infos √ľber die skandal√∂sen K√ľrzungen und M√∂glichkeiten des Protests findet ihr hier.

 

i.d.a. kommt zu Besuch!

Vom 18.10 bis zum 20.10.2013 sind wir Gastgeberin des 30. Treffens des i.d.a. Dachverbandes deutschsprachiger Frauen-/Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationstellen.

Wir erwarten G√§ste aus Luxemburg, Schweiz, √Ėsterreich und S√ľdtirol! Er√∂ffnet wird das Jubil√§umstreffen am 18.10. um 14 Uhr in Haus Steinstra√üe mit einem Vortrag zum Thema „Teaching Gender in Libraries and Archives: The Power of Information“. Sara de Jong und Sanne Koevoets sprechen √ľber die historischen Zusammenh√§nge zwischen Frauenarchiven und -bibliotheken und der Frauen-/Genderforschung. Zugleich wird auch der Blick auf die Gegenwart gerichtet und gefragt, vor welchen Herausforderungen Frauen-/Lesbenarchive und -bibliotheken mit Blick auf die Digitalisierung feministischen Aktivismen stehen.

Der Dachverband deutschsprachiger Frauen/ Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen, schlie√üt seit 1994 Einrichtungen aus Deutschland, √Ėsterreich und der Schweiz zusammen. Er dient der Vernetzung, dem regelm√§√üigen fachlichen und pers√∂nlichen Austausch, der Weiterqualifikation sowie gemeinsamer √ľberregionaler √Ėffentlichkeitsarbeit. Insbesondere bem√ľht sich der Dachverband darum, politische und finanzielle Unterst√ľtzung f√ľr die finanziell nicht abgesicherten Frauenbibliotheken und -archive zu organisieren.

Protest gegen frauenfeindliche Ausstellung!

Vergangenen Freitag (12.10.) wurde mit viel Blitzlichtgewitter (Ja,sie waren da: „dear Mel Ramos“ und „lieber Wolfgang Joop“ wurden unterw√ľrfig begr√ľ√üt) die neue Ausstellung des Leipziger Museums f√ľr bildende K√ľnste (MdbK) er√∂ffnet. Sie tr√§gt den vielsagenden Titel „Die Sch√∂ne und das Biest“. Diese Schau darf wohl mit recht als widerlicher Tiefpunkt bezeichnet werden: Der Nazi-√Ąsthet Richard M√ľller soll behutsam rehabiliert werden (jemand der angeblich „schon 1935“ in Ungnade fiel, w√§re 1944 wohl kaum auf Hitlers „Gottbegnadetenliste“ gelandet – aber davon erf√§hrt das Publikum nichts); der Pop-Art-Sexist Mel Ramos („es beschweren sich doch immer nur h√§ssliche Feministinnen √ľber meine Kunst“) wird noch mal richtig geil abgefeiert. Warum Wolfgang Joops Affenbilder dabei sind? Die Kuratoren meinten, dass sie „einfach mal Lust darauf“ hatten… Zur offiziellen Er√∂ffnung wurde das nat√ľrlich ein bisschen verschwurbelter r√ľbergebracht.

Es ist schlichtweg ekelhaft: Die Frauen dieser Schau werden gnadenlos objektiviert, ja – bestialisiert! Sie erscheinen als Verf√ľhrerinnen, deren starke Sexualit√§t als Bedrohung empfunden wird und daher geb√§ndigt werden muss. Dressur mit Tiger und Weib; auch Penetrationsfantasien… Das alles mal wieder unter dem Deckmantel der Kunst. „Von Sexisten f√ľr Sexisten“, murmelte es an der Gaderobe.

Wir protestieren aufsSchärfste gegen diese frauenverachtende und gewaltverherrlichende Ausstellung und fordern ihre sofortige Schließung!

Mit den Worten der Guerillia Girls muss wieder einmal gefragt werden:

Buchtipps f√ľr den Herbst

F√ľr die kalten und regnerischen Herbsttage empfehlen wir unseren Leser_innen folgende frisch eingetroffene B√ľcher:

Jennifer Teege: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

Es ist ein Schock, der ihr ganzes Selbstverst√§ndnis ersch√ľttert: Mit 38 Jahren erf√§hrt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer sie ist. In einer Bibliothek findet sie ein Buch √ľber ihre Mutter und ihren Gro√üvater Amon G√∂th. Millionen Menschen kennen G√∂ths Geschichte. In Steven Spielbergs Film ¬ęSchindlers Liste¬Ľ ist der brutale KZ-Kommandant der Saufkumpan und Gegenspieler des Judenretters Oskar Schindler. G√∂th war verantwortlich f√ľr den Tod tausender Menschen und wurde 1946 geh√§ngt.

Dieses Buch ist zurecht von den Feuilletons gelobt worden. Jennifer Teege gelingt es auf beeindruckender Art und Weise die Leser_innen auf ihre Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. Teegers Schilderungen √ľber ihre schonungslose Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familiengeschichte wird von Zeitzeug_inneberichten und historischen Fakten √ľber Amon G√∂th angereichert. Dadurch gewinnt das Buch nicht nur an Intensit√§t, sondern macht auch deutlich, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der dritten bzw. gar vierten Generation noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Janet Frame: Auf dem Maniototo

Janet Frame z√§hlt zu den bekanntesten Autorinnen Neuseelands. Zur literarischen Ber√ľhmtheit schaffte sie es mit ihrem autobiografisch gef√§rbten Roman „Der Engel an meiner Tafel“, der 1990 von Jane Campion fulminant verfilmt wurde.

Nun hat der C.H.Beck-Verlag den bereits 1987 erschienen Roman „Auf dem Maniototo“ auf deutsch ver√∂ffentlicht: In ihrem vielleicht sch√∂nsten Roman erz√§hlt Janet Frame von einer Frau, die, nachdem sie ihren Ehemann verloren hat, beschlie√üt Schriftstellerin zu werden. Sie absolviert einen Kurs, geht auf Reisen, verliebt sich, heiratet erneut ‚Äď und wird wieder Witwe. Auf Einladung von Freunden verbringt sie, die Neuseel√§nderin, den Sommer in Berkeley, Kalifornien, und erbt unversehens das Haus ihrer Freunde, die bei einem Erdbeben in Italien ums Leben kommen. Doch am Ende des Sommers tauchen sie quicklebendig wieder auf. Was ist Realit√§t, was Fiktion, wie glaubw√ľrdig ist die Erz√§hlerin, die sich uns unter verschiedenen Namen vorstellt? Am√ľsant und detailreich, haarstr√§ubend und bunt, in einer grandiosen Sprache erz√§hlt dieser Roman lauter Geschichten und handelt dabei zugleich vom Schreiben und Erz√§hlen selbst.

Swetlana Alexejewitsch: Second Hand Zeit. Leben auf den Tr√ľmmern des Sozialismus

Bereits mit ihren B√ľchern „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ und „Tschernobyl. Chronik einer Zukunft“ hat sich Swetlana Alexejewitsch als gro√üartige Zuh√∂rererin und Erz√§hlerin bewiesen. Mit ihrem neuen Buch „SecondHand Zeit“ beweist sie sich einmal mehr als Meisterin¬† der Zeitgeschichte. Darin widmet sie sich den Verlierer_innen des russischen Wandels, den Menschen, die von M√ľhlen der Politik und √Ėkonomie zermalmt werden. Swetlana Alexejewitsch h√∂rt denen zu, die nicht mehr geh√∂rt werden – nicht mal von ihren eigenen Kindern und Enkelkindern. Die Autorin selbst nimmt sich zur√ľck, will sie doch „ein n√ľchterner Historiker ohne Fakel“ sein. Um so mehr strahlen die Berichte von Dissident_innen, Student_innen, ehemaligen GULag-H√§ftlingen, Verlierer_innen und Gewinner_innen des Turbo-Kapitalismus der 1990er Jahre. Zusammen ergeben sie ein atemberaubendes und kaum etr√§gliches Panorama an Menschen, die vor allem eins zu einen scheint: die Last in der Sowjetunion geboren zu sein.