Archiv für den Monat: Juni 2013

40 Jahre jüdischer Feminismus – masel tov!

Die Frau im TallitAm Donnerstag, den 27.06., um 19 Uhr spricht Dr. Yvonne Domhardt über „Die weibliche Seite des Judentums“. Ihr Vortrag über 40 Jahre jüdischer Feminismus findet im Rahmen der Jüdischen Woche 2013 Leipzig statt.

1972 hatte alles begonnen: Die Ernennung der Amerikanerin Sally Priesand zur ersten Rabbinerin nach der Schoa (bereits 1935 wurde Regina Jonas in Deutschland zur ersten Rabbinerin weltweit ordiniert) markierte einen Meilenstein in der jüdischen (Frauen)Geschichte und kann als Geburtsstunde des jüdischen Feminismus gesehen werden. Ursprünglich in den Vereinigten Staaten aufgekommen, erreichte der jüdische Feminismus bald auch Europa. Die Judaistin Yvonne Domhardt zeichnet  in ihrem Vortrag die Geschichte der jüdisch-feministischen Bewegung vorwiegend innerhalb Deutschlands – auch mit Blick auf Schweizer Verhältnisse – nach.

Ausgehend von der nahezu in Vergessenheit geratenen Tradition der jüdischen Frauenbewegung im Deutschland vor der Schoa mit Bertha Pappenheim als Gründerin des jüdischen Frauenbundes JFB (1904) bis hin zur jüdisch-feministischen Initiative Bet Debora setzt sie sich kritisch mit jüdischen Traditionen auseinander und sucht nach Wegen für ein weiblicheres Judentum, für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Judentum.

Chapeau, Frau Schücking!

Das nennt man wohl: Jemandem eine Nase drehen. Nachdem der Erweiterte Senat der Universität Leipzig im Mai beschlossen hatte, in seiner Grundordnung künftig das „generische Femininum“ zu verwenden, verbreiteten unzählige Medien die Falschmeldung, dass in Leipzig künftig alle männlichen Lehrenden mit „Herr Professorin“ angesprochen werden müssen. Es geschah, was geschehen musste, angesichts der hitzigen Unsachlichkeit, die die Debatte über Feminismen und Gender Mainstreaming in großen Teilen der Öffentlichkeit mittlerweile prägt: Ein Shitstorm war geboren und in besonders abscheulicher, sexistischer Form ergoss sich dieser über der Rektorin, Frau Professor Dr. Beate Schücking. Was nutzt es da zu erwähnen, dass die Rektorin im Erweiterten Senat überhaupt kein Stimmrecht hat; augenscheinlich hatten weder Medien noch KommentatorInnen ein ernstes Interesse an einer sachlichen Debatte. Schier todesmustig reihte sich denn auch der Dekan der Juristischen Fakultät in die Reihe der Kämpfer für das Wahre, Gute und Männliche: Seine Studierenden, von denen (Zitat) „mehr als die Hälfte“ Frauen seien, bräuchten auch in Zukunft nicht zu befürchten als „Studentin“ angesprochen zu werden.

Da das Gerücht von der feministischen Diktatur nun einmal in der Welt war, wollte man von Seiten der Angegriffenen auch irgendwie produktiv damit umgehen. In der „Zeit“ kündigte Schücking jetzt an, die eingegangenen „Protestschreiben“ sprachwissenschaftlich auswerten zu lassen: „Damit bekommt die Sache einen akademischen Nutzen.“ Den Schreihälsen einfach mal den Spiegel vorzuhalten ist immer wieder ein guter Einfall… Chapeau, Frau Schücking!

Feministisch, radikal, streitbar

Anita Augspurg u. Lida Gustava Heymann (v.l.)

Vor etwa 70 Jahren verlor der radikale Flügel der ersten Frauenbewegung um die Jahrhundertwende ihre wohl zwei wichtigsten und streitbarsten Protagonistinnen: Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) und Anita Augspurg 1857 – 1943).

Beide stammten aus priviligierten Elternhäusern und genossen eine umfangreiche Bildung. Sie verzichteten auf ein bequemes Leben und stürzten sich noch während des Kaiserreiches in den Kampf für die rechtliche Gleichstellung der Frau. Ihr Vermögen investierten sie in die Gründung und Unterstützung verschiedener Frauenprojekte: Mittagstische für Arme und Zufluchtsstätten für Prostituierte, Kinderhorte und in andere karitative Frauen-Projekte. Gemeinsam mit Minna Cauer und Hedwig Dohm riefen sie die Frauenstimmrechtsbwegung ins Leben. Die rechtliche Gleichberechtigung sollte dabei nur eine Etappe sein, nie das alleinige Ziel.

Beide Frauenrechtlerinnen waren publizistisch tätig und waren international glänzend vernetzt. Si9e gaben im Verlaufe ihres Wirkens mehrere Zeitschriften heraus, darunter die „Frau im Staat“, und organisierten Frauenkongresse, an denen Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt teilnahmen.

Heymanns und Augspurgs politisches Wirken beschränkte sich keineswegs auf „reine Frauenbelange“. Sie engagierten sich auch gegen nationalistischen Wahn, Chauvinismus und Antisemitismus. So forderten sie bereits 1923 die Ausweisung Adolf Hitlers. Beispielhaft bleiben ihr Mut und ihr Einsatz für eine gerechtere Welt.

Es wäre jedoch verfehlt, sie zu Heldinnen zu stilisieren, mit denen sich Frauen heute bruchlos identifizieren können. In ihrer Haltung zum Kolonialismus erweisen sich Heymann und Augspurg als Töchter ihrer Zeit. Zwar geißelten sie die Brutalität des Imperialismus und die bestialischen Kolonialpraktiken. Jedoch hielten sie in ihrem weiß-europäischen Überlegenheitsdünkel daran fest, dass Europa und die junge USA als „Kulturnationen“ den „unzivilisierten“ Völkern überlegen seien. Mit diesem Überlegensheitsdenken unterstützten sie das, was heute zu recht als der rassistische Grundkonsens einer weißen Gesellschaft gilt: Menschen anderer Hautfarbe und nicht-europäischer Kultur als unterlegen, „weniger entwickelt“, in letzter Konsequenz „weniger wert“ darzustellen.

Mit Blick auf die aktuellen Debatten über Critical Whiteness und Intersektionalität scheint es mehr als notwendig den Blick dafür zu schärfen, in welcher Tradition die historische, aber auch die gegenwärtige, vorwiegend weiße Frauenbewegung steht – ohne jedoch ihre Leistungen und Errungenschaften schmälern zu wollen.

Wer sich eingehender mit Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg beschäftigen möchte, hier Literturtipps:

Margit Twellmann (Hrsg.): Erlebtes – Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940.

Ursula Scheu/Anna Dünnebier: Die Rebellion ist eine Frau.

Zudem sei auf die Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung verwiesen, die nicht nur über Archivalien der ersten Frauenbewegung verfügen, sondern auch über diese Thematik eine gut sortierte Bibliothek.

Freiheit für Femen in Tunis!

Amina Tyler

Gestern wurden drei Femen-Aktivistinnen von einem Gericht in Tunis zu vier Monaten Haft verurteilt. Ihr „Vergehen“: “ Verstoß gegen die guten Sitten und Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Die drei Femen haben für die Freilassung von Amina Tyler protestiert, die zuvor in Femen-Manier gegen die steigenden islamistischen Repressalien in ihrem Land, die insebsondere Frauen trifft, protestiert hat. Amina sitzt nun seit drei Wochen in Haft. Ihr drohen bis zu 12 Jahre Gefängnis.

Wie die Zeitschrift EMMA sehen wir auch diese Femen-Aktion kritisch. Der Grund: „Weil die entblößte Haut als plakative Protestfläche passend ist im Westen, wo die Haut der Frauen zu Markte getragen wird. Aber sie ist problematisch in einem islamistisch beherrschten Land. Denn die Entblößung dreier Westlerinnen wird dort von fast allen, nicht nur von Islamisten, als Bestätigung des Klischees westlicher und feministischer Dekadenz verstanden. Was sich zusätzlich belastend für Amina auswirken könnte.“

Dennoch brauchen alle vier Femen-Aktivistinnen, insbesondere Amina Tyler, internationale Solidarität! Hassiba Hadj Sahraoui, Stellvertretender Direktor von Amnesty International’s Middle East and North Africa Program, fordert ihre sofortige Freilassung: „Amina should be released from custody right away. She is being investigated for exercising her right to freedom of expression, and she should not be facing imprisonment for doing so.“  Er sieht Amina als politische Gefangene: „The charges appear to be politically motivated and targeting her for her activism on women’s rights.“ 

MONAliesA ist nicht Pro-Femen. MONAliesA ist Pro Menschenrechte, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit! Daher fordern wir die sofortige Freilassung der Femen-Aktivistinnen!

Stop Sex-Industry now!

Die ARD zeigt heute um 22.45 Uhr die Reportage „Sex. Made in Germany“. Sonia Kennebeck und Tina Solimann recherchierten 2 Jahre lang im deutschen Rotlicht-Milieu, sprachen mit Prostituierten, Bordellbetreibern und Freiern. Ihr Fazit lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „Die rot-grüne Bundesregierung hat mit drei dürren Paragraphen die Prostitution zu einem ganz normalen Beruf machen wollen und die Rechte der Frauen stärken wollen. Tatsächlich aber hat sie die Schleusen geöffnet, ohne die Bedingungen zu regulieren, unter denen die Frauen arbeiten.

Der Sextourismus in Deutschland boomt. Mittlerweile scheinen deutsche Großbordelle  den herkömmlichen Sehnswürdigkeiten den Rang abzulaufen. Kennebeck und Solimann: „Vorteile hat das Gesetz vor allem den Freiern gebracht. Die können sich in Deutschland nun bedenkenlos Sex kaufen, haben sozusagen einen Freibrief vom Staat, außerdem gibt es mittlerweile an jeder Ecke legale Bordelle, die in ihrem Preiskampf immer günstigere Angebote machen. Das nutzen auch die ausländischen Freier, die hier ihren Bordell-Urlaub verbringen, etwa eine Sechs-Tage-Puff-Tour durch Deutschland – mit freundlicher Genehmigung der Bundesrepublik.

Feminist_innen, die sich klar gegen (Zwangs-)Prostitution und die prosperierende Sex-Industrie aussprechen, haben in Deutschland einen schweren Stand. Dabei stellen sie zumeist die berechtigteren Fragen, die von den so genannten „Sex-Positiven“-Feminist_innen und Hurenorganisationen bis heute bis heute oft ausgeblendet oder nur unzureichend berührt werden. Etwa: Wie kann man den Kapitalismus kritisieren und gleichzeitig Pro-Sex-Work sein? Welches Männerbild wird hier eigentlich (re-)produziert? Was machtet es letztendlich mit einer Gesellschaft, in der das menschliche Dasein völlig ökonomisiert ist? Und wie es mit dem noch nicht abgeschlossenen Projekt „Geschlechterdemokratie“ bestellt, wenn der größte Zuhälter der deutsche Staat ist?

Heute um 19 Uhr laden wir im Kirschgarten gegenüber der Paul-Gerhard-Kirche ein:

“Für jede kommt die Zeit” – Eine musikalisch-szenische Lesung

An diesem Abend werden Ausschnitte aus Maxie Wanders bahnbrechendem Protokollband Guten Morgen, Du Schöne vorgestellt. Die darin aufgenommenen Erlebnisse von Frauen, die ihre Suche nach Lebenssinn und Lebensglück sowie ihre Sichtweisen auf Männer schildern, sollen mit gegenwärtigen weiblichen Befindlichkeiten musikalisch-szenisch verglichen werden. Was hat sich verändert im Laufe der Zeit? Fühlt und empfindet frau heute anders? Welche Beweggründe und Haltungen stehen jeweils dahinter? Und was für ein gesellschaftliches Bewusstsein? Eine musikalische Lesung, nicht nur für Frauen.

Dazu gibt es Sonne, ein kleines Buffet und kühle Getränke.