Archiv fĂŒr den Monat: April 2013

Top of the lake

Elisabeth Moss alias Robin Griffin

Trigger-Warnung: Es geht um sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungskultur.

Jane Campion hat wieder zugeschlagen. Die Macherin von „Das Piano“ oder „Bright Star“ beweist einmal mehr, dass sie zu einer der wichtigsten Filmregisseurinnen der Gegenwart zĂ€hlt. Ihr neueste Produktion heißt „Top of the lake“ und könnte hinsichtlich des Themas aktueller kaum sein: In sieben Folgen geht Jane Campion der Frage nach, wie sexualisierte Gewalt und deren Wurzeln  bekĂ€mpft werden können, wenn der Schuldige (Patriarchat und dessen Auswirkungen) nicht einfach vor Gericht gestellt und verurteilt werden kann? Und auch wenn TĂ€ter im höheren Maße inaftiert werden wĂŒrden, die sexualisierte Gewalt wĂŒrde weitergehen, weil sie so normal ist. Das Problem ist nicht der individuelle TĂ€ter, sondern eine Kultur, die sexualisierte Gewalt akzeptiert und feiert.

Und genau in diese RealitĂ€t, in diese Vergewaltigungskultur zielt die Miniserie „Top of the Lake“. Im Zentrum steht die Kriminalbeamtin Robin Griffin. Sie soll das Verschwinden der 12jĂ€hrigen Tui aufklĂ€ren, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden ist und seitdem vermisst wird. Die Suche nach ihr entwickelt sich fĂŒr Robin, selbst Opfer einer gang rape, als eine Tour de Force, in der sie sich in einer Gesellschaft aus drinkenden, bewaffeneten, Drogen produzierenden und pĂ€dophilen MĂ€nnern durchsetzen muss. Auch von ihren Kollegen, ein Old-Boys-Club par excellence, erfĂ€hrt Robin keine UnterstĂŒtzung.

Wer jetzt glaubt, dass Jane Campion eine Art „Anti-MĂ€nnerserie“ gedreht hat, in der die Frauen nicht nur die Opfer, sondern auch die Guten sind, muss leider enttĂ€uscht werden. Vielmehr zeigt sie mit schonungloser Offenheit wie stark sexualisierte Gewalt in das Leben eines Einzelnen hineinwirkt und was es letzendlich mit einer Gesellschaft macht, die Opfer verhöhnt und entmenschlicht.

„Top of the Lake“ wurde auf dem diesjĂ€hrigen Sundance-Filmfestival und der Berlinale gezeigt und frenetisch gefeiert. Ausgestrahlt wurde die Serie bereits im amerikanischen, australischen und neuseelĂ€ndischen Fernsehen. Ob und wann die Serie auch im deutschsprachigen Raum zu sehen seid wird, steht noch in den Sternen. In KĂŒrze wird „Top of the lake“ als DVD-Box zu erwerben sein und dann bei uns zur Ausleihe bereitstehen.

http://www.youtube.com/watch?v=YerIiHm-JtQ

Die Preziöse ist da!

Die deutschsprachige feministische Presselandschaft ist um ein Magazin reicher, denn Die Preziöse ist da!

Alles begann mit einer Idee von drei Frauen, die eine Zeitschrift  fĂŒr die anspruchsvolle queere Frau herausbringen wollten. Doch wie umsetzen? Ganz einfach sie grĂŒndeten ein Start-Up-Unternehmen namens Freilenzer-Verlag und starteten eine Crowdfunding-Kampagne. Und siehe da, das Geld kam zusammen.

Nun liegt endlich die erste Ausgabe in allen Bahnhofsbuchandlungen aus. Und die kann sich in der Tat sehen lassen. Oberstes Credo der Herausgeberinnen ist QualitĂ€t gepaart mit thematischer Vielfalt: „Wir glauben daran, dass man nur der Vielfalt des modernen Lebens gerecht werden kann, wenn man sich ihrer nicht verschließt und seinen Horizont konstant erweitert.“ Dieser begrĂŒĂŸenswerte Anspruch spiegelt sich in der ersten Ausgabe wieder. Die Themen reichen von AsexualitĂ€t ĂŒber Körperbehaarung bis hin zum Frauenfußball. Sogar ein Horoskop ist dabei!

Irmtraud Morgner meinte einmal, der grĂ¶ĂŸte Fehler von Frauen sei ihr Mangel an GrĂ¶ĂŸenwahn. Dies trifft auf die Preziöse-Macherinnen definitiv nicht zu. In Zeiten sinkender Printauflagen und Zeitungssterben sind sie grĂ¶ĂŸenwahnsinnig genug ein feminitisch-queeres Magazin herauszubringen, das sich dem Mainstream und einem Eliten-Nischen-Dasein verweigert und obendrein auch noch Vielfalt, QualitĂ€t, SeriositĂ€t und AuthentizitĂ€t bieten möchte. Chapeau!

Wer sich den Heftpreis von 5€ nicht leisten kann oder will, kann gerne bei uns in der Bibliothek in der Ausgabe blĂ€ttern! 🙂

Beruf: Trobairitz

FĂŒr ihren wohl wichtigsten Roman „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz“  ließ sich Irmtraud Morgner vom europĂ€ischen Mittelalter inspirieren. Verdutzt werden sich jetzt bestimmt einige fragen „DDR und Minnesang? Geht das ĂŒberhaupt?“ FĂŒr Irmtraud Morgner kein Problem. Sie verbindet mĂŒhelos Epochen der Geschichte, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Im Mittelpunkt des Romans „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz“ steht Beatriz de Dia. Sie ist eine provenzalische MinnesĂ€ngerin (Troubadourin), die – da ihre Kanzonen im 12. Jahrhundert unerwidert verhallten – enttĂ€uscht der mittelalterlichen MĂ€nnerwelt entflohen ist. Von der Göttin Persephone in einen 808-jĂ€hrigen Schlaf versetzt, wacht sie 1968 auf. Erneut erfĂ€hrt sie allerorten Gewalt und Verachtung, bis sie hört, dass das Leben einer Frau als ganzer Mensch im „gelobten Land“ DDR gewĂ€hrleistet sein soll…

Beatriz de Dia hat es tatsĂ€chlich gegeben. Sie lebte im 12. Jh. in der französischen Provence und war einer der berĂŒhmtesten Trobairitz im okkzitentanischen Mittelalter.  Beatriz de Dia war wahrscheinlich die Gattin des Grafen Wilhelm von Poitiers (1158-1189). Sie hinterließ ein kleines Text-Melodien-Korpus (um 1160).

Prof. Dr. Angelica Rieger lĂ€d am 18.04. um 19 Uhr in die weitgehend unbekannte Welt des weiblichen Trobadors ein. Sie wird zum einen  Beatriz de Dia und weitere Trobairitz sowie deren literarisches Wirken vorstellen. Zum anderen wird sie auch darĂŒber sprechen, was mit einer Frau geschah, die ihren zugewiesenen Platz als Adelsdame verließ, um eine selbstĂ€ndige SĂ€ngerin zu werden. Musikalisch begleitet wird Frau Rieger von Christine Vogel an der Viola de Gamba.

Wer sich schon mal vorab ĂŒber dieses Thema informieren möchte, dem sei die preisgekrönte Seite Spielfrauen im Mittelalter der Hochschule fĂŒr Musik und Theater Hamburg empfohlen.

 

American Girl

Zu einer „richtigen“ MĂ€dchensozialisation gehören nicht nur pinke Klamotten und der frĂŒhe Besuch im Beauty-Salon, sondern auch eine ordentliche Ausstattung an Puppen. Die Klassiker sind Barbie oder auch die Bratz.

In den USA können MĂ€dchen eine Puppe erwerben, die genauso aussehen wie sie selbst: Ein American Girl. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es dazu: „At American Girl, we celebrate girls and all that they can be. That’s why we develop products and experiences that help girls grow up in a wholesome way, while encouraging them to enjoy girlhood through fun and enchanting play.“ Das Sortiment umfasst unterschiedliche Puppentypen: American Girl Characters, My American Girl Dolls, Bitty Baby, ein Magazin, BĂŒcher und sogar einen virtuellen Campus fĂŒr MĂ€dchen. Die Puppe American Girl gilt in den Staaten als die „Anti-Barbie“ und ist dort ein Verkaufsschlager.

Die Fotografin Ilona Szwarc hat sich  mit diesem PuppenphĂ€nomen beschĂ€ftigt. sondern auch . FĂŒr ihre Fotoserie „American Girl“ hat sie MĂ€dchen mit ihren Puppen aufgesucht und sie fotografiert.

„As an artist, I am wondering and looking for traces of what effect would this prolonged play have on girls? Does it extend their childhood? Or perhaps it takes away from the strength that girls could develop, and contributes to the infantilization of women?“ Das diese Fragen mehr als berechtigt sind, zeigen die von ihr gemachten Bilder. Dazu Szwarc: „American Girl product defines and categorizes American girls – future American women and that fact raises important questions about who gets represented and how. Branding behind the doll perpetuates domesticity and traditional gender roles. I examine how culture and society conditions gender and how it invents childhood. Gender becomes a performance that is again mirrored in the performance of my subjects for the camera.“

FĂŒr diese Fotoserie erhielt Ilona Szwarc in der Kategorie „Observed Portraits“ den World-Press-Photo-Award.

Nicht aufhören anzufangen

Nicht aufhören anzufangen. So lautet der Titel der wunderbaren Biografie ĂŒber Monica Hauser und die von ihr gegrĂŒndete Organisation medica mondiale, die in diesen Tagen ihr zwanzigjĂ€hriges Bestehen feiert.

Alles begann vor zwanzig Jahren mit dem Balkan-Krieg. Die Medien sind voll von Geschichten ĂŒber GrĂ€ultaten an der Zivilbevölkerung. Insebsondere die Massenvergewaltigungen von Frauen schockiert die Weltöffentlichkeit. Am 26. November 1992 erscheint im »Stern« ein Artikel ĂŒber die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg. Monika Hauser ist entsetzt und wĂŒtend ĂŒber den neuerlichen Missbrauch der Opfer durch Fotografien und drastische Sprache. Sie nimmt Kontakt zu Gabi Mischkowski, die einen wĂŒtenden Artikel in der Tageszeitung „taz“ ĂŒber die reißerische Berichterstattung geschrieben hat. Gemeinsam erkennen sie, dass fĂŒr die Frauen im Kriegsgebiet getan werden muss – und zwar unabhĂ€ngig ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit.

Monika Hauser reist nach Zagreb und nimmt dort Kontakt mit der Zagreber Frauenlobby auf und spricht mit zahlreichen FlĂŒchtlingsfrauen. Am Ende stand ihr Entschluss fest: ein autonomes Zentrum, das gynĂ€kologische und psychologische Hilfen zusammenfĂŒhrt und einen geschĂŒtzten Raum  fĂŒr die Frauen und ihre Kinder schafft. Hauser Wahl fiel auf die Stadt Zenica. Dort befanden sich Ende 1992 etwa 120.000 FlĂŒchtlinge, von denen etwa 70% Frauen waren. In Zenica sucht sie Kontakt und UnterstĂŒtzung duch lokale Frauen. Es entsteht ein Team von Ärztinnen, Krankenschwestern, Psychologinnen, Psychiaterinnen, einer SekretĂ€rin und einer Hausleiterin. Sie mieten ein leerstehenden Kindergarten, dort entstehen im Erdgeschoss Ambulanz und Operationssaal und oben WohnrĂ€ume fĂŒr zwanzig Frauen. Am 4. April 1993 wird Medica Zenica offiziell eröffnet.

Mittlerweile existieren Àhnliche Pojekte u. a. in Afghanistan, Albanien,Liberia und DR Kongo. In ihrem 20jÀhrigen Bestehen hat medical mondiale nicht nur tausenden von Frauen und MÀdchen geholfen. Sie hat auch der Trauma-Arbeit, die zu Beginn der 1990er Jahre noch ganz am Anfang stand, zum entscheidenden Durchbruch verholfen.

AnlĂ€sslich des 20. JubiĂ€ums von medica mondiale haben wir Monica Hauser nach Leipzig eingeladen. Sie wird am 25. November ĂŒber die aktuelle Situation und ZukunftsplĂ€ne ihrer Organisation sprechen. Parallel wird vom 15.11. bis zum 2.12.2013 in der unteren Wandelhalle im Neuen Rathaus die Ausstellung „Starke Stimmen – Frauen in Afghanistan“ zu sehen sein.

Liebe Monika Hauser, liebe medica-mondiale-Mitstreiter_innen, bitte nicht aufhören weiterzumachen!

Ein feministischer FrĂŒhling mit Irmtraud Morgner

Eigentlich wollte Irmtraud Morgner LokomotivfĂŒhrerin werden, wie ihr Vater. Doch fĂŒr Frauen gab es in diesem Beruf noch keine Perspektive und so widmet sie sich ihrer zweiten Leidenschaft, dem Schreiben.

Morgners Werke fĂŒhrten den Feminismus in die DDR-Literatur ein. Begabt mit außerordentlichem Humor und einer klar-kĂŒhlen, recht kĂŒhnen Beobachtungsgabe kreiert sie phantastische Welten, in denen sie die Frauenfrage im Sozialismus deutlich thematisierte. Deutlich zeigt sich dies bereits in ihrem 1968 erscheinenden Roman Hochzeit in Konstantinopel. FĂŒr ihr Werk Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura erhielt sie ab 1974 auch internationale Anerkennung und wird mit Preisen im In- und Ausland geehrt. 1983 erscheint der Nachfolgeroman Amanda. Ein Hexenroman. Doch die literarische Vollendung dieser Salman-Trilogie sollte ihr nicht mehr gelingen. Morgner erkrankt an Krebs und stirbt am 6. Mai 1990 in Berlin. Die Fragmente des unvollendeten dritten Romans erschienen 1998 unter dem Titel Das heroische Testament im Luchterhand Verlag.

Wer glaubt, dass die Werke Morgners mit dem Untergang der DDR an Relevanz eingebĂŒĂŸt haben, irrt sich gewaltig. In ihren Romanen setzt sie sich nicht nur kritisch mit den VerhĂ€ltnissen im real-existierenden Sozialismus auseinander. Insbesondere die Stellung der Frau und das GeschlechterverhĂ€ltnis bilden zentrale Themen ihres literarischen Oeuvres. So forderte Irmtraud Morgner in ihrem Roman Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz die Emanzipation der MĂ€nner, denn nur so sei eine menschliche Gesellschaft möglich.

Die Literatur Irmtraud Morgners verdient es wiederentdeckt und wiedergelesen zu werden. Dazu möchten die Veranstaltungen im April herzlich einladen! Die Spurensuche beginnt am 08.04. um 19 Uhr mit der Dokumentation „Geradezu heraus. Irmtraud Morgner in Chemnitz“. Der Film von Beate Kunath dokumentiert durch Interviews mit Lebenszeuginnen und Lebenszeugen aus der Kindheit und Schulzeit das reale Leben Irmtraud Morgners in der damaligen Zeit und setzt es in Beziehung zu ihren Romanen. Anschließend begeben wir uns am 18.04. um 19 Uhr auf eine Zeitreise zurĂŒck in das Mittelalter des 11. Jh. Prof. Dr. Angelica Rieger spricht am Beispiel der historischen Figur Beatrice de Dia ĂŒber die Trobairitz – Die Spielfrau im okzitanischen Mittelalter.  Musikalisch begleitet wird der Abend durch Christine Vogel an der Viola da gamba.

Traumfrau

„Wohin die Liebe fĂŒhrt…“ So abgedroschen dieser Satz auch klingen mag, in ihm steckt immer noch ganz viel Wahrheit. Ein Beleg dafĂŒr ist der Kurzfilm von Oliver Schwarz „Traumfrau“. In dieser sehr behutsam inszenierten Dokumentation portrĂ€tiert er Dirk und seine Freundin Jenny.

Jenny ist  – nach den westlichen Schönheitsidealen zu urteilen – in der Tat eine Traumfrau. Jedoch ist das Besondere an ihr nicht ihr optisches Erscheinungsbild. Jenny ist aus Silikon. Eigentlich völlig leblos. Doch wenn Dirk von dieser Beziehung zu berichten beginnt, dann sind plötzlich von beiden Seiten Emotionen im Spiel.

Das GeschĂ€ft mit den maßgeschneiderten Silikonpuppen boomt. Es sind vor allem MĂ€nner aus der Bildungsschicht, meist sogar mit Familie, die sich eine Frau aus Silikon kaufen. Was sagt das PhĂ€nomen ĂŒber unsere Gesellschaft, ĂŒber Schönheitsideale? Ist dieser Markt nicht ein Beleg dafĂŒr, das die Frau bzw. der weibliche Körper vollends zu einem Konsumprodukt geworden ist? Oder wirft dieser Film nicht ein grelles Schlagschlicht auf das heutige GeschlechterverhĂ€tlnis?

An den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur wurde das einfĂŒhlsame Werk mit dem Preis fĂŒr den besten Schweizer Schulfilm ausgezeichnet. Ausserdem wurde er an den Solothurner Filmtagen gezeigt und in den Kurzfilmwettbewerb «Berlinale Shorts» aufgenommen. Kinostart in der Schweiz ist der 05.04.2013.

http://vimeo.com/54851408