Archiv für den Monat: Januar 2013

Stellungnahme zur Sexismus-Debatte

Die antifeministischen Wellen in der Sexismus-Debatte schlagen immer höher – höchste Zeit in dieser schier unsäglichen Diskussion Stellung zu beziehen!

Ausgelöst durch einen Artikel über Rainer Brüderle im aktuellen Stern debattiert  Deutschland in Print- und Onlinemedien über Sexismus. In dieser Diskussion geht es ans Eingemachte. Es geht hier nicht nur um ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Es geht vor allem auch um die Frage, in welcher Gesellschaft wir künftig leben wollen. Und gerade dehalb lassen die Wortmeldungen und Meinungen in dieser Debatte eine regelrecht erschaudern. Da ist von einer Kampagne gegen die FDP die Rede, von einem plumpen Lagerdenken (siehe aktuelle Ausgabe der Sueddeutschen) oder von der allseits drohenden Political Correctness, die neue Tabus und ein moralpolizeiliches Umfeld produziert (Siehe der Kommentar von Christiane Hoffmann im aktuellen Spiegel). Trauriger Tiefpunkt ist die Sendung von Günther Jauch am vergangenen Sonntag. Die Worte und das Verhalten von Günther Jauch, Wiebke Bruhns und Hellmuth Karasek verschlugen mir die Sprache.

All diese Beispiele zeigen mindestens drei Fakten. Erstens: Eine tiefgründige Auseinandersetzung über sexistische Verhältnisse in Deutschland findest nicht statt. Wie Komplex das Thema Sexismus eigentlich ist, zeigt die Definition dieses Begriffs: Sexismus bezeichnet jede Haltung, Äußerung, Tat, Strategie, Methode oder institutionelle Handlung, die zur Unterdrückung und Marginalisierung einer Person oder einer Gruppe aufgrund ihres Geschlechts beiträgt. […] Sexismus durchdringt alle Lebensbereiche von Frauen, private wie öffentliche, ökonomische, soziale wie psychologische. (Prof. Dr. Siegried Metz-Göckel „Sexismus“, in: Gender Studies und Geschlechterforschung, Weimar 2002, S. 357-358.) Spätestes hier wird klar, Sexismus ist nicht „nur“ das Grabschen, sondern auch die Geschlechterapartheid in der Spielzeugwarenabteilung, Germany´s next Topmodel, die schlechtere Bezahlung von Frauen, die gesellschaftliche und monitäre Abwertung von so genannten Frauenberufen wie die Kindergärnterin, Flatratebordelle (Dank des tollen Prostitutionsgesetzes), und und und.

Zweitens: Die Probleme und Bedürfnisse der Frauen werden nicht ernst genommen. Und es wird ihnen gesagt, dass sie sich selber nicht so wichtig nehmen sollen. Rädelsführerin hier ist die bereits erwähnte Wiebke Bruhns.

Drittens offenbahrt sich in dieser Debatte die Doppelmoral und Verlogenheit der weltlichen Gesellschaft. Warum betone ich das? Vor nicht all zu langer Zeit gab es einen Riesenaufschrei über das Frauenbild und über die Sexualmoral der katholischen Kirche. Was wurde nicht geschimpft über die verklemmten und notgeilen Priesterröcke, die sich aus lauter Angst vor Frauen und Sexualität in die Parallelwelt des Vatikans flüchten. Und jetzt? Jetzt wird der profanen Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. Was nun einsetzt ist eine Abfolge von Abstreiten, Verhöhnungen und Leugnungen.

Übrigens wurde über die Kombination von Sexismus und Rassimus/Antisemitismus noch gar nicht gesprochen. Aber das wäre wohl für einige der intellektuelle Super-GAU.

Mein Antrieb wäre, Welt zu machen.

2013, das weiß nicht nur der brave Leipziger, ist das Jahr der großen Jubiläen: Richard Wagner, Guiseppe Verdi und die sogenannte „Völkerschlacht“. Was für ein Dreiklang! Damit das allgemeine Testosteronlevel am Ende des Jahres nicht gänzlich aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, will die Frauen- und Genderbibliothek MONAliesA mit einer ganzjährigen Veranstaltungsreihe auf ein ganz besonderes, ebenfalls dreifaches Jubiläum aufmerksam machen:

„Mein Antrieb wäre, Welt zu machen. – Zum 80. Geburtstag von Maxie Wander, Irmtraud Morgner und Brigitte Reimann“.

Im Zentrum stehen drei Schriftstellerinnen, die die(ost-)deutsche Literaturlandschaft der Nachkriegszeit ganz maßgeblich geprägt haben: Brigitte Reimann (1933–1973), Irmtraud Morgner (1933–1990) und Maxie Wander (1933–1977). Alle drei Autorinnen wurden im geschichtsträchtigen Jahr 1933 geboren und gehörten zu den bedeutendsten weiblichen Stimmen der DDR-Literatur, die einer breiten Öffentlichkeit heute jedoch kaum mehr bekannt sind.

groß - morgner_reimann_wander

2013 wären alle drei Schriftstellerinnen 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass präsentiert die Frauen- und Genderbibliothek MONAliesA e.V. zusammen mit zahlreichen KooperationspartnerInnen eine ganzjährige Veranstaltungsreihe, die sich Leben und Werk dieser drei Autorinnen widmet und damit auch eine Art literarische Wiederentdeckung befördern will.

Neben Lesungen Vorträgen und Diskussionen über die Autorinnen, ihr literarisches Wirken und ihr soziales Engagement sollen auch Dokumentationen sowie Literaturverfilmungen gezeigt werden. Umrahmt wird das Ganze von einer kleinen, sehr sehr feinen Fotoausstellung unter dem Titel „Frauenleben in der DDR“, die ab sofort in unserer Galerie zu sehen ist.

Auf unserer Terminseite und hier im Blog werden wir euch über den Ablauf der einzelnen Veranstaltungen genau auf dem Laufenden halten. Zudem haben wir eine kleine Sonderseite eingerichtet mit genaueren Infos zu den drei Jubilarinnen sowie zur Veranstaltungsreihe.

Wir freuen uns auf euren Besuch!

Jaipur: Literaturfest der Frauen

Dr. Aamika, Lyrikerin

Im indischen Jaipur findet vom 24. bis zum 28. Januar 2013 das DSC Jaipur Literaturfestival statt. Vor dem Hintergrund der Vergewaltigung einer indischen Studentin vor sechs Wochen und die daraufhin einsetzenden Proteste gegen die sexualisierte Gewalt gegen Frauen sind Texte und Werke von Frauen eines der zentralen Themen des fünftägigen Literaturfestes.Die Erföffnungsrede hält die bengalische Autorin und Frauenaktivistin Mahasweta Devi. Weiterhin eingeladen sind die Feministin und Poetin Fahmida Riaz und die pakistanisch-kanadische Dokumentarfilmerin Sharmeen Obaid-Chinoy, die im vergangenen Jahr für „Saving Face“ einen Oscar gewann.

Das fünftägige Kulturprogramm ist sehr vielfältig und politisch hochaktuell. Neben Gedichten, Geschichten und Lesungen zu Facetten des heutigen Frau-Seins werden die AutorInnen auch über Scharia-Gesetze und homosexuelle Literatur oder über das Frauenbild im indischen Kino diskutieren.

Literatur- und Filmtipps aus unserem Bestand:

Birgit Heller: Heilige Mutter und Gottesbraut. Frauenemanzipation im modernen Hinduismus.

Virama Josiane: Eine Unberührbare erzählt. Ein Leben am Rande des indischen Kastensystems.

Brigitte Voykowitsch: Göttinnen und Frauenrechte. Indiens Töchter.

Arundhati Roy: Gott der kleinen Dinge.

Deepa Mehta: Fire, Earth, Water. (DVD Collection).

 

 

Unwort des Jahres

Die sprachwissenschaftliche Jury der Aktion „Unwort des Jahres“ erklärte gestern den Begriff „Opfer-Abo“ zum Unwort des Jahres. Jörg Kachelmann und seine Frau Miriam haben in einem Spiegel-Interview diesen Begriff verwendet und Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, pauschal als „Falschbeschuldigerinnen“ verunglimpft.

Die Jury, bestehend aus fünf Männern und einer Frau, hat diesen Pauschalisierungen eine klare Absage erteilt. In ihrer engagierten Begründung heißt es, das Wort „Opfer-Abo“ stelle  „Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und selbst Täterinnen zu sein. Das hält die Jury angesichts des dramatischen Tatbestands, dass nur 5-8 % der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen tatsächlich die Polizei einschalten und dass es dabei in nur 3-4 % der Fälle zu einer Anzeige und einem Gerichtsverfahren kommt, für sachlich grob unangemessen.“ Der Begriff verstoße „nicht zuletzt auch gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer.“

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Notrufe (bff) begrüßt ausdrücklich die Entscheidung der Jury: „Wir brauchen ein anderes gesellschaftliches Klima im Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen. Das Unwort des Jahres kann hoffentlich dazu beitragen, dass eine Sensibilisierung stattfindet.“

Anna Comena, Afife Jale, Inci Özdil…

Aylin Aslim

Eigentlich wollten wir an dieser Stelle über die neue Focus-Ausgabe lästern. Ihr erinnert Euch: Die Zeitschrift mit den „Fakten, Fakten, Fakten!“. Aber ehrlich gesagt haben wir keine Lust, die „faktenreiche“ Berichterstattung über die Frauenquote auseinanderzunehmen.

Stattdessen möchten wir auf ein tolles Museumsprojekt aus der Türkei hinweisen. Seit Mitte November 2012 hat in Istanbul das erste Frauenmuseum in der Türkei seine Pforten geöffnet. Die türkische Geschichte ist reich an Frauengestalten. Leider sind sie in den regulären Museen kaum präsent. Diesen Zustand wollte die türkische Unternehmerin Gülümser Yildrim nicht länger hinnehmen und gründete mit anderen Frauen die Frauen Kultur Stiftung Istanbul. Zwar verfügt das Museum noch über kein Gebäude. Dennoch wurde eine erste Ausstellung erarbeitet, die sich den türkischen Pionierinnen in den Bereichen Kunst und Kultur widmet. Es sind Biographien von Frauen, die ein anderes Lebenskonzept gewählt haben als in ihrer Zeit üblich, die kreativ, enthusiastisch, neugierig, mutig und beharrlich waren und sind und auch deswegen den Glanz einer Wegbereiterin tragen. Zu denen gehören z. B. Anna Comena, die im 11. Jahrhundert die erste Person weltweit war, die ihre Memoiren verfasst hat, Afife Jale, die erste muslimisch-türkische Theater-Schauspielerin, Elbis Gesaratsyan, die Herasugeberin des ersten armenischen Frauenmagazins im Osmanischen Reich, aber auch zeitgenössische Pionierinnen wie Aylin Aslım, die erste Punk-Sängerin Istanbul.

Es bleibt zu hoffen, dass das Museum nicht nur schleunigst eigene Räumlichkeiten bekommt, sondern dass das Engagement der Museumsfrauen auch angemessen entlohnt wird. Denn bislang erfolgt ihre Arbeit auf ehrenamtlicher Basis.

Sag mir, wo die Frauen sind

Ein Tipp für den Burkhard.

Es ist wieder soweit! Am 27. Januar wählt Leipzig einen neuen Oberbürgermeister (sic!). Ein Blick in die Wahlprogramme von SPD, Grünen, CDU und der Linken lässt tief blicken – und zwar in den Abgrund. Die Themen Frauen und Geschlechtergerechtigkeit spielen bei niemandem eine explizite Rolle! Die KandidatInnen ignorieren folglich die Mehrheit der Leipziger Stadtbevölkerung: Laut Statistik kommen in Leipzig auf 100 Männer 108 Frauen.

Schon der Blick auf die KandidatInnenliste sollte alamieren: Gerade mal eine Frau (Barbara Höll) befindet sich unter den sechs Kandidaten. Überhaupt sind derzeit alle Leitungsposten im Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters (von Allgemeiner Verwalting bis Finanzen) mit Männern besetzt.

Wie kann es sein, dass wichtige frauenpolitische Themen wie das Problem der Teilzeitbeschäftigung und die damit verbundene Zunahme von Frauenarmut, die Präsenz von Frauen in städtischen Betrieben und Einrichtungen, sexistische Werbung oder die wieder zunehmende Einkommensdifferenz zwischen Mann und Frau (sie beträgt derzeit 17%) bei den KandidatInnen keine Rolle spielen? Vielleicht hätten sich die Dame und die Herren einmal den Situationsbericht Frauen und Männer in Leipzig 2011 des Referats für Gleichstellung der Stadt Leipzig genauer ansehen sollen. Geschlechterpolitische Baustellen finden sich dort zuhauf.