Essay „War alles nur Schönfärberei?“

DDR-Frauenzeitschriften und ihre rückblickende Bewertung der DDR-Frauenpolitik nach 1989

Der gesellschaftliche Umbruch von 1989/90 war für sicher viele Medienschaffenden in der DDR ein harter Schlag. Die PressevertreterInnen haben jahrzehntelang die Staatspolitik wohlwollend begleitet. Nun sahen sie sich plötzlich mit einer Kritik an ihrer Arbeit und neuen Perspektiven auf die DDR-Politik konfrontiert, mit der die DDR-Frauenzeitschriften Lernen und Handeln, Für Dich, Sibylle und die Zaunreiterin unterschiedlich umgingen. Änderte sich mit dem Ende staatlicher Zensur ihre Sicht auf die DDR-Frauenpolitik und den DDR-Staat?

„Wir bekennen uns zu unseren Fehlern.“ [1]  – Die Auseinandersetzung der Für Dich mit ihrer Vergangenheit

Bemerkenswert an der politischen Wochenzeitschrift Für Dich der Jahre 1989/90 ist die radikale Kehrtwende innerhalb kürzester Zeit in Bezug auf die Einschätzung der DDR-Frauenpolitik. Die Selbstkritik, die in vielen Artikeln zum Ausdruck kommt, wirkt schon deshalb authentisch, da es während des gesellschaftlichen Umsturzes kaum Personalwechsel in Redaktion und Autor*innenschaft gab. Es waren ebendiese Leute, die die Fehler begangen und sich nun zu ihnen bekannten.

Die Für Dich räumte ein, dass die Tabus der Politik auch ihre eigenen waren. Sogar von Falschinformationen und bewusster Schönfärberei ist die Rede.[2]

Werden Anfang 1989 noch die gesellschaftlichen Verhältnisse als vollkommen gleichberechtigt verklärt, nimmt im Verlauf des Jahres die Kritik an der nach wie vor zugeschriebenen ‚Weibchenrolle‘ und der Diskriminierung von Frauen im Beruf stetig zu. Bis Anfang November 1989 die Selbstkritik einsetzt und sogar das eigene Titelbild aus einer Ausgabe wenige Wochen zuvor als sexistisch kritisiert wird. Darauf zu sehen sind Frauen, die Bikinimode präsentieren. „Frauen sind [aber] weder Dekoration noch die ‚Stütze der Gesellschaft‘“.[3]

Erstmals wird in der Für Dich die DDR-Frauenpolitik erstmals als ‚Mutti-Politik‘ kritisiert, die Frausein mit Muttersein gleichsetzt, die Väter aus der Zuständigkeit entlässt und allein den Frauen die Verantwortung für den familiären Bereich zuschreibt. Das bis zuletzt ungelöste Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf blieb damit ein Frauenproblem.[4]

Ein verhängnisvoller Fehler sei die Behauptung der gelösten Frauenfrage Mitte der 1970er gewesen: „Damit wurde beendet, was damals richtig in Gang kam, es wurde der Prozess des Streitens um die Entwicklung der Frauen eingeschläfert.“[5] Und die Frauenpolitik in der DDR stagnierte.

Doch nicht alle teilten diese Einschätzungen. Die DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley schilderte in der Für Dich ganz andere Erfahrungen: „Keine von uns hat sich diskriminiert gefühlt, wenn sie alleinerziehende Mutter war. […] Wir konnten studieren […] und haben unsere Kinder großgezogen. Es war nicht immer leicht. Aber wir selbst trafen die Entscheidung, ob wir ein Kind wollten.“[6]

Aber auch die übrigen Autorinnen waren sich darüber im Klaren, dass, gemessen am globalen Maßstab, die DDR mit dem Gesetz zum legalen Schwangerschaftsabbruch und einer 91 prozentigen weiblichen Erwerbsquote eine der fortschrittlichsten Gesellschaften war und es mit dem Systemwandel viel zu verlieren gab.[7]

Eine politische Modezeitschrift? Die Sibylle und das DDR-Frauenbild

Texte zur DDR-Frauenpolitik erschienen selten in der Sibylle, im Laufe der Jahre wurden die Inhalte sogar immer unpolitischer. Berichte über frauenpolitische Reformen wurden, wenn überhaupt, wohlwollend formuliert. So überrascht es kaum, dass sich im Wendejahr 1989 kein inhaltlicher Beitrag zum gesellschaftspolitischen Geschehen in der Zeitschrift findet. Während sich im Juni 1989 der Eiserne Vorhang lüftet und DDR-BürgerInnen über Ungarn ausreisen, berichtet Chefredakteurin Carla Wurdak über Kindheit im Krieg und im Modeteil werden Sommerkleider vorgestellt.

Selbst im November 1989 noch, als die Wiedervereinigung bereits besiegelt war, richtet die Sibylle dankende Worte an die SED hinsichtlich ihrer Gleichstellungspolitik. Nur den einen kritischen Hinweis, dass „viel mehr Frauen als bisher die Chance erhalten [müssten], in wirklich (!) führende Positionen – bis in das Politbüro – aufzusteigen.“[8] nahm sie sich heraus. Damit erschöpft sich die Kritik der Sibylle an der DDR-Frauenpolitik der letzten Jahrzehnte, in einer Zeit, in der die staatliche Zensur zu bröckeln begann und andere Zeitschriften sich bereits viel schonungsloser zur DDR-Frauenpolitik positionierten.

In der ersten Ausgabe des Jahres 1990 verkündete die Redaktion: „Es ist eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs. Werte sind neu zu bestimmen, auf ihre Ehrlichkeit und Glaubhaftigkeit für die Zukunft zu untersuchen. […] Unsere Erwartungen sind groß.“[9]  Recht vage blieb also auch die einzige Wortmeldung der Redaktion zum gesellschaftlichen Umbruch und der Zukunft des Landes.

Immerhin veröffentlichte die neue Redaktion im selben Heft ein Interview mit Charlotte Janka, die über die politische Verfolgung ihres Mannes und die Repressionen für sie und ihre Familie in der DDR sprach.

Die zurückhaltende Positionierung zum Wendegeschehen und der DDR-Politik stimmt mit dem Selbstbild der Zeitschrift überein. Die Sibylle als Zeitschrift für Mode und Kultur vermittelte ihre Vorstellungen vom Frausein in der Fotografie. Sie verstand sich als kreativer Freiraum für FotografInnen und ModeschöpferInnen, die Individualismus, Mode, Schöngeist und Kunst für ihre LeserInnen kreierten – etwas, was dem DDR-Staat als zu bürgerlich missfiel.

„Für eine Erneuerung des DFD“ – Reflektiert der Frauenbund seine Politik?

„Für eine Erneuerung des DFD“[10] prangt auf der Titelseiteder ersten Ausgabe der Lernen und Handeln im Jahr 1990, die seit 1950 als Funktionärsorgan des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) seine Mitglieder monatlich informierte. Der DFD gründete sich 1947 und wurde schnell zu einer Massenorganisation mit den Zielen, Frauen „für die Politik der SED zu gewinnen und sie von einer Berufstätigkeit zu überzeugen“.[11]  Hauptaufgabe des DFD war das Engagement in den Wohngebieten der Republik vor allem für werdende und berufstätige Mütter.

Gab sich die Lernen und Handeln 1989 noch unbeeindruckt vom gesellschaftlichen Umbruch, zeigten die Umgestaltung von und die Beiträge in ihrer Verbandszeitschrift 1990, dass die DDR-Frauenorganisation sich erneuerte. In der ersten Ausgabe des Jahres 1990 verspricht die DFD-Vorsitzende Eva Rohmann, die Frauen seien entschlossen, „unser Land aus der Krise herauszuholen“[12]. Dass die Unzufriedenheit unter den DFD-Mitgliedern über die Zustände in der DDR schon lange brodelte, offenbaren die Leserinnenbriefe in dieser Ausgabe. So werden die SED-Nähe des DFD und die mangelnde Umsetzung von Frauenbelangen angeführt.

Im März 1990 erschien dann die erste Ausgabe der FI- Fraueninitiative ´90 – die Zeitung des DFD mit der Überschrift „Frauenfeuer statt Frauenfeier“[13].

Im Format einer schmalen Tageszeitung blickte die Frauenorganisation nur noch in Gegenwart und Zukunft. So appellierte Eva Rohmann im April 1990 an die Politik: „Frauen dürfen nicht die Verliererinnen sein“[14] Von nun an wird die eigene Beteiligung an den gesellschaftlichen Protesten erwogen, und über den rechtlichen Rückschritt in der Gleichstellung für die Frauen durch das bundesdeutsche Recht berichtet. Die Ereignisse der Wendejahre und der drohende Einschnitt in Frauenautonomie schienen dringlicher als die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

‚Mutti-Politik‘ und Mehrfachbelastung – Die Kritik der Zaunreiterin an der DDR-Frauenpolitik

Der gesellschaftliche Umbruch ermöglichte es auch Aktivistinnen der nichtstaatlichen Frauenbewegung unzensiert ihre Kritik am DDR-Staat zu äußern und für Frauenrechte einzutreten. In Leipzig fanden sich Ende 1989 Regina Bankert, Gabi Böhm, Jutta Sarstedt, Gesa Pankonin, Uta Grundmann und Christine Rietzke zusammen und wählten das Zeitschriftenformat als Plattform ihrer frauenpolitischen Forderungen. Im April 1990 erschien mit der Leipziger Zaunreiterin die erste unabhängige Frauenzeitschrift in der DDR.

Zuvor jedoch veröffentlichten die sechs Redakteurinnen ein Manifest in dem sie mit der Frauenpolitik in der DDR abrechneten. Von der staatlicherseits postulierten Gleichberechtigung sei wenig zu spüren gewesen, heißt es darin. Gleichstellung bedeute in der DDR nichts anderes als die Angleichung der Frauen an den Mann. Die ‚Mutti-Politik‘ hatte zur Folge, dass die Frauen im Berufssektor ‚ihren Mann‘ stehen mussten ohne von den Pflichten im privaten Bereich entlastet zu werden. Es wurde beklagt, dass sich die Frauen darüber hinaus mit dem propagierten Ideal der sozialistischen Persönlichkeit konfrontiert sahen, die sich neben den familiären und beruflichen Pflichten auch noch gesellschaftlich zu betätigen hatte.[15]

Letzten Endes kann auch Überlastung einem patriarchalen Gesellschaftssystem in die Hände spielen, die keine Ressourcen lässt um die eigene Lebenssituation zu durchdenken, sich zu organisieren und den Herren des DDR-Politbüros entgegenzuhalten: „dass die tatsächliche Entfaltung der Frau nicht allein durch ihre finanzielle Selbständigkeit vollzogen wird, sondern durch ein anderes Verhältnis von Frau und Mann in privater Partnerschaft und gesellschaftlichem Umgang.“[16]

 Neue Freiheit und der unliebsame Blick zurück

Ganz unterschiedlich nutzten die etablierten und neuen  Zeitschriftenredaktionen die gewonnene Pressefreiheit. Mehr oder weniger couragiert begleiteten alle den gesellschaftlichen Umbruch 1989. Während sich die Sibylle bedeckt hielt, engagierten sich die anderen Blätter im Kampf um Schwangerschaftsabbruch, Recht auf Arbeit und Kinderbetreuung.

Die Traute, sich selbstkritisch mit dem eigenen Verhältnis zum DDR-Staat und seiner Frauenpolitik auseinanderzusetzen, bewies von den etablierten Blättern nur die Für Dich. Die Sibylle, die dem ‚Arbeiter- und Bauernstaat‘ als zu mondän immer ein Dorn im Auge war, nutzte die Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerungen hingegen kaum, um etwa ihre Ausrichtung als Mode- und Kulturzeitschrift  zu verteidigen. Lernen und Handeln richtete ihren Blick ausschließlich nach vorn und vermied die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Die radikalste Kritik an der DDR-Frauenpolitik hingegen bekundeten die Redakteurinnen der Zaunreiterin in ihrem Manifest.  


[1] Jetzschmann, Frieda: Wie weiter mit der Für Dich? In: Für Dich 1989, Nr.46, S. 18.

[2] Ebenda; Dietzel, Gudrun/  Voland, Käthe: Jetzt müssen wir´s anpacken, In: Für Dich, 1989, Nr. 45, S. 2-3.

[3]Jetzschmann, Frieda/ Christine Zenner/ Gislinde Schwarz: Frauen sind keine Dekoration, in: Für Dich 1989, Nr. 48, S. 4-7, hier S. 5.

[4] Jetzschmann, Frieda: Wir machen Ernst, in: Für Dich, 1989, Nr. 48, S. 2.; Jutta Arnold, Jutta/ Modrow, Hans: Frauen im Kommen? In: Für Dich, 1989, Nr. 48, S. 2-3.

[5] Grandtke, Aniata: Frauen sind keine Dekoration, In: Für Dich, 1989, Nr. 48, S. 4-7, hier S. 6.

[6] Bohley, Bärbel: Wir haben viel zu verlieren, in: Für Dich, 1990, Nr. 11, S. 3.

[7] Redaktion/ Zenner: Jetzt – oder nie! 1990, S. 2-3 .

[8] Vorwort der Chefredakteurin, In: Sibylle 1989, Nr. 6, S 0-1

[9] Sibylle 1’90, In: Sibylle 1990, Nr.1, S. 1                             

[10] Titelblatt, In: Lernen und Handeln, 1990, Heft 1, Seite 0

[11] Kaminsky, Anna: Frauen in der DDR, Ch. Links Verlag: Berlin, 2007, S. 48-49

[12] ebd.

[13] „Frauenfeuer statt Frauenfeier“, In: Fraueninitiative ´90, 1990,3, S.1

[14] „Frauen dürfen nicht die Verlierer sein“, In: Fraueninitiative ´90, 1990,4, S.1

[15] Vgl.: Bankert, Regina/ Böhm, Gabi/ Sarstedt, Jutta/ Pankonin, Gesa/ Grundmann, Uta/ Rietzke, Christine: Für eine ganzheitliche Politik – Politik von und für Frauen und Männer. In: Kenawi, Samirah: Frauengruppen in der DDR der 80er Jahre. Eine Dokumentation, Berlin 1996, S. 241-243.

[16] Sell, Katrin: Frauenbilder im DEFA – Gegenwartskino. Exemplarische Untersuchungen zur filmischen Darstellung der Figur der Frau im DEFA – Film der Jahre 1949 – 1970. Marburg 2009, S. 229.